Meiereien

Hängen geblieben

Das Amphitheater Vindonissa in Brugg-Windisch.

Jahresberichte sind tückisch. Wer das weiss, lässt die Hände davon. Doch wehe dem, der schwach wird und zu blättern beginnt! Plötzlich taucht man ein in unbekannte Welten, wird neugierig, beginnt zu lesen, was man eigentlich gar nicht wissen wollte.

Zum Beispiel der Jahresbericht der Gesellschaft Vindonissa. Da berichten eine Astronomin und ein Archäologe umfangreich und höchst detailliert, wie sie sich in akribischer Kleinarbeit monatelang mit den Fragmenten von zwei römische Sonnenuhren beschäftigt haben, die in Vindonissa gefunden worden sind. Warum soll ich das lesen? Was interessiert es mich, ob eine
der beiden Uhren als Pfostenfundament aufgestellt war, dass kein Befestigungspunkt für einen Gnomon zu erkennen ist?

Ich stelle mir aber vor, dass es grossartig sein muss, wenn sich jemand für Fragmente von römischen Sonnenuhren interessiert und sich von Berufes wegen mit solchen Fragen befassen darf.

Ich lese weiter und merke, dass die Beschäftigung mit Sonnenuhrfragmenten rasch zu grundsätzlicheren Fragen führt: Wann haben die Menschen begonnen, die Zeit zu messen und einzuteilen? Im 3. Jahrhundert vor Christus soll sich Plautus in einer Komödie noch lustig über die neue Mode der Zeitmessung gemacht und sie als überflüssig und lästig abgetan haben. Die erste Sonnenuhr in Rom kam aus Catania und zeigte eine falsche Zeit an.

99 Jahre lang solle es gedauert haben, bis die Römer merkten, dass sie der echten Zeit hinterherhinken. Disziplin und Ordnung im Heer waren nur unter Einbezug der Zeit durchsetzbar; deshalb gehörten auch zum Heerlager Vindonissa Sonnenuhren.
War der Beginn der Zeitmessung folgenreicher, als wir bisher geglaubt haben?

Und was eigentlich genau ist ein Gnomon? Blöder Jahresbericht.

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Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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