Meiereien

Haare im Gesicht

Frau Lüscher hat wieder angerufen. Es gehe um ihren Mann, sagte sie. Ob sie mich etwas fragen dürfe.

Sie dürfe, antwortete ich, allerdings sei mir ihr Gatte völlig unbekannt.

Das spiele keine Rolle, sagte Frau Lüscher. Es sei einfach so, dass ihr Mann jetzt auch damit angefangen habe. Er finde sich total cool, ihr hingegen gefalle das ganz und gar nicht.

«Womit hat ihr Mann angefangen?», fragte ich, leicht ungeduldig.

«Ach, habe ich das noch gar nicht gesagt?», fragte Frau Lüscher. «Mein Mann trägt jetzt auch einen Dreitagebart. Also, es ist eher ein Wochenbart. Mein Mann hat keinen üppigen Bartwuchs. Deshalb braucht er etwa sieben Tage für einen Dreitagebart.

«Die meisten Dreitagebärte sind älter als drei Tage», behauptete ich.

«Darum geht es gar nicht», sagte Frau Lüscher. «Mein Mann sieht jetzt einfach ungepflegt aus – und ein bisschen doof dazu. Aber darf ich ihm das sagen, jetzt, wo er sich so gut damit fühlt?»

Ich versuchte, sie zu beruhigen. Dazu brauchte ich Fakten. Fakten helfen meistens. Ich stand auf, sah mich im Grossraumbüro um und zählte.

«Wissen Sie», sagte ich zu Frau Lüscher, «von meinem Arbeitsplatz aus sehe ich, Moment, zwei, vier, fünf, sechs, nein, sogar sieben Kollegen mit Bart oder zumindest mit teilbehaartem Gesicht. Ihr Gatte ist keine Ausnahme, er folgt einfach dem Trend ‹Mann trägt jetzt Haar im Gesicht›.»

«Und Sie? Laufen Sie auch unrasiert durch die Gegend?», fragte Frau Lüscher gereizt.

«Selten», antwortete ich, «ich habe kein Bartgesicht.»

«Ich frage mich, wo das noch hinführt», sagte Frau Lüscher. «Erst die Sache mit dem Motorrad – und jetzt der Dreitagebart. Ich muss mit ihm reden. Dringend.»

joerg.meier@chmedia.ch

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Jörg Meier

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