Gerade wollte man sich nach einem aufwühlenden Wochenende etwas beruhigen: Die Bluttat von München war nicht einem Islamisten zuzuschreiben, sondern einem Amokläufer; sie war somit nicht politisch motiviert. Deutschland, das – anders als Frankreich – bislang von grossen islamistischen Attentaten verschont blieb, war noch einmal davongekommen. Doch da platzt schon die nächste Schreckensmeldung in die sonntagabendliche Ruhe: «Mann greift Menschen in Reutlingen mit Machete an – eine Tote.» Und kurz nach Mitternacht rattern noch einmal die Push-Meldungen: «Sprengsatz in Ansbach – ein Toter.» Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach: Was ist bloss los in Süddeutschland? Die Häufung und die Konzentration auf eine Region fallen auf. Allerdings gab es im vergangenen Jahr in Deutschland rund 181 000 polizeilich registrierte Gewalttaten; in den 2000er-Jahren waren es etwa 200 000 jährlich. Aus statistischer Sicht ist die Zahl der Gewalttaten in den vergangenen Jahren gesunken.

Hinter den Bluttaten wurden sofort Terrorangriffe vermutet

Der entscheidende Unterschied ist freilich, dass die Bluttaten der vergangenen Woche jeweils sofort mit Terrorangriffen des «Islamischen Staats» in Verbindung gebracht wurden. Und dass die Aufmerksamkeit auf allen Medienkanälen entsprechend riesig war. Das führte namentlich im Fall des Anschlags vom Freitagabend auf das Münchner Olympia-Einkaufszentrum dazu, dass die Zeitungen am Samstag von «Terror» schrieben. «Terror in München», titelte auch die «Nordwestschweiz». Dass sich die vermeintlich islamistische Attacke als Amoklauf eines geistig kranken 18-Jährigen herausstellte, macht die Monstrosität dieser Tat natürlich kein bisschen besser.

Wie rasch in Zeiten der Terror-Angst hinter einem Gewaltverbrechen islamistische Motive vermutet werden und wie schnell falsche Informationen die Runde machen, illustriert auch der «Macheten-Angriff» von Reutlingen: Die Waffe war in Wirklichkeit ein Döner-Messer. Zudem handelte es sich nicht um einen Terrorakt, sondern vermutlich um eine Beziehungstat, ausgeführt von einem 21-jährigen syrischen Asylsuchenden, der anscheinend unter psychischen Problemen leidet. Auch der 28-jährige Syrer, der vor einem Weinlokal in Ansbach einen Sprengsatz zündete, hatte psychische Probleme. Wobei bei dieser Tat eher von einem islamistischen Hintergrund auszugehen ist.

Seit den Terroranschlägen in Frankreich sind Bevölkerung und Medien für die Themen «Terrorismus» und «Islamismus» stark sensibilisiert. Nur so ist zu erklären, dass die Gewalttaten von Reutlingen und Ansbach international beachtet werden. Ausgerechnet in Ansbach gab es vor sechs Jahren einen Amoklauf am Gymnasium. Und erst vor zwei Wochen kam es ganz in der Nähe der mittelfränkischen Stadt zu einer Schiesserei. Doch kein überregionales Print- oder Online-Medium nahm davon Notiz.

Die Deutschen sind verunsichert und verängstigt

Während die Franzosen gelernt haben, mit der Angst vor Attentaten zu leben, starrt Deutschland erstmals in die hässliche Fratze des islamistischen Terrors. Die Menschen in unserem nördlichen Nachbarland sind verunsichert und verängstigt. Bis zur Attacke in einem Regionalzug in der Nähe von Würzburg benützten die Deutschen ohne unangenehmes Bauchgefühl die öffentlichen Verkehrsmittel, gingen zu Open Airs und in Restaurants. Das ist jetzt anders; jetzt rechnet man plötzlich damit, dass irgendeiner mit einer Axt oder einem Messer um die Ecke kommen könnte. «Mir war schon etwas mulmig, als ich am Wochenende mit der Bahn nach Hause fuhr», gesteht der Kollege, der aus dem süddeutschen Raum stammt.

Genau diese Angst spielt dem «Islamischen Staat» in die Hände. Egal, ob die Mörder von München und Reutlingen psychisch krank waren, gleichgültig ob die Täter von Würzburg und Ansbach Kontakt zum IS hatten oder sich einfach nur an dessen Videos aufgeilten und zudem ebenfalls krank im Kopf waren: Der IS will in der westlichen Gesellschaft Verwirrung und Verunsicherung stiften. Nun ist er auf dem besten Weg, dieses Ziel zu erreichen – ohne selbst viel dazu beitragen zu müssen. Und alle Beteuerungen von Politikern, man werde sich vom Terror nicht einschüchtern lassen, klingen wie das Pfeifen im Walde. Was für Deutschland ein Horror-Wochenende war, war für den IS ein gutes Wochenende.