In knapp zwei Wochen, am 14. Juni, sind die Frauen aufgefordert zu streiken. Seit Monaten frage ich mich, wie ich diesen Tag gestalten soll: Ein violettes T-Shirt überstreifen, die Faust durch die Luft schwingen und eine Kampfparole schreien? Das entspricht mir nicht wirklich. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt: Es braucht Druck und klare Forderungen, damit die Gleichstellung von Frau und Mann endlich Realität wird.

Gerade in der Kultur ist die Situation heute noch besonders prekär. Internationale Studien zeigen: Künstlerinnen verdienen für gleiche Arbeit weniger als ihre männlichen Kollegen. Sie werden seltener mit Preisen ausgezeichnet, erhalten weniger Residenzstipendien und führen seltener Kulturinstitutionen. Dies obwohl an Kunsthochschulen ähnlich viele weibliche Studierende eingeschrieben sind wie männliche.

In der Schweiz fehlen bis anhin systematische Daten für alle Kunstsparten. Erste Studien im Bereich Film zeichnen aber ein ähnliches Bild: Deutlich weniger Frauen führen Regie – besonders bei Spielfilmen. Und ihre Filme müssen mit kleineren Budgets auskommen, was grotesk ist.

Woran liegt das? Die Gründe sind vielfältig und zum Teil kaum bekannt. So ist die Vorstellung eines «freien» Künstlerlebens gerade für viele Frauen ein Mythos. Der Künstlerinnen-Alltag bringt Arbeitszeiten mit sich, die alles andere als flexibel sind. Musikerinnen sind oft für Monate auf Tournee, während eines Filmdrehs wird fast rund um die Uhr gearbeitet, und auch Theateraufführungen und Lesungen finden abends statt. Für Künstlerinnen mit Kindern ist dies eine besondere Herausforderung.

Heutige Modelle der Kinderbetreuung wie Krippen sind (noch) nicht auf solche Unregelmässigkeiten ausgerichtet. Alternativen wie die private Kinderbetreuung kosten viel Geld, und gerade daran mangelt es Künstlerinnen häufig, denn sie sind nicht nur schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen, die Kulturbranche bewegt sich allgemein auf tiefem Lohnniveau.

Gewachsene Strukturen lassen sich nicht von heute auf morgen ändern. Trotzdem hat sich gezeigt: Das hartnäckige Bewusstmachen der Fakten, klare Forderungen und Druck verändern die Situation. Vor einem Jahr setzten am Filmfestival in Cannes zahlreiche Regisseurinnen, Schauspielerinnen und Produzentinnen ein Zeichen und forderten mehr Filme von Frauen im Programm. Die Festivalleitung unterzeichnete widerwillig eine Absichtserklärung. Nach Cannes folgten zahlreiche renommierte Festivals mit ihrem Bekenntnis.

Ein Jahr danach zeigt die Initiative erste, wenn auch bescheidene Wirkung: Im internationalen Wettbewerb des diesjährigen Filmfestivals in Cannes waren vier Filme von Frauen zu sehen. Zwar sind dies immer noch mickrige 21 Prozent, aber es handelt sich bereits um eine Steigerung. Das amerikanische Festival Sundance zeigt im diesjährigen Programm bereits über 40 Prozent Filme aus Frauenhand.

Auch in der Schweiz bringen die internationalen Proteste langsam etwas ins Rollen. Das Locarno Film Festival, die Solothurner Filmtage und weitere Veranstaltungen in der Schweiz haben die Charta des Swiss Women Audiovisual Network (SWAN) unterzeichnet und stehen somit zumindest unter Beobachtung. Auch an der staatlichen Filmförderung ging der Druck nicht spurlos vorbei.

Die Sektion Film des Bundesamtes für Kultur vermeldete vor ein paar Wochen, dass erstmals bei 46 Prozent aller neu geförderten Filme Frauen Regie führen. Dem zugrunde liegt keine Quote, sondern einzig die Absichtserklärung, dass bei gleicher Qualität Projekte von Frauen bevorzugt werden.

 Sind die Filmprojekte von Frauen also plötzlich zahlreicher und besser geworden als zuvor? Wohl kaum! Viel plausibler scheint, dass die Proteste zu einer Sensibilisierung und zu einem, wenn auch langsamen, Umdenken führen: in den Kommissionen, aber auch bei den Regisseurinnen, Schauspielerinnen und Produzentinnen. Zunehmend selbstbewusster und bestimmter fordern sie ein, was ihnen schon lange zusteht.

Und genau dazu ist der der Frauenstreiktag am 14. Juni da. Kulturschaffende und Künstlerinnen sollten den Tag nutzen, ihre Musikinstrumente niederlegen, ihre Theatervorführung unterbrechen oder auf dem Filmset streiken, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Dazu gehören die Lohntransparenz in allen Kulturbetrieben, gleiche Gagen für Künstlerinnen und Künstler, flexiblere Kinderbetreuungsangebote, Kinderzulagen für Auslandaufenthalte oder mehr Preise für Frauen. Die Geschichte zeigt: Für Veränderung braucht es Druck, viel Druck!