Lateinamerika

Gigantische Flüchtlingsbewegung: das Drama im Hinterhof

Tausende Flüchtlinge aus Honduras und Guatemala haben am Sonntag die Grenze zu Mexiko passiert und ziehen weiter in Richtung USA.

Tausende Flüchtlinge aus Honduras und Guatemala haben am Sonntag die Grenze zu Mexiko passiert und ziehen weiter in Richtung USA.

CH-Media-Korrespondent Klaus Ehringfeld schreibt in seiner Analyse zur gigantischen Flüchtlingsbewegung in Lateinamerika: «Nie waren zwischen Rio Grande und Feuerland Freiheits- und Persönlichkeitsrechte, ökonomische und soziale Errungenschaften so sehr in Gefahr wie jetzt.»

Eine Karawane verzweifelter und entkräfteter Menschen zieht gerade durch Mexiko. Frauen mit Babys im Arm, ausgemergelte Männer, sogar unbegleitete Kinder sind darunter. Honduraner, Guatemalteken, Salvadorianer und auch ein paar Nicaraguaner flüchten vor der Situation in ihren Ländern. Vor Arbeitslosigkeit, vor Banden, die Jugendliche rekrutieren, Schutzgelder erpressen und töten. Zentralamerika hat die höchste Mordrate der Welt. Und die Menschen fliehen wie in Nicaragua auch vor einem repressiven Regime, das seine Gegner gnadenlos verfolgt. Etwas Besseres als Elend, Gefängnis und den Tod finden wir überall – mit diesem Mut der Verzweiflung marschieren die Mittelamerikaner durch Mexiko in Richtung USA, während dort Präsident Donald Trump tobt, droht und den Regierungen der Ursprungsländer der Migranten die Hilfsgelder entzieht.

Migrationsbewegungen haben sich in den letzten Jahren intensiviert

Diese Karawane richtet den Blick darauf, dass es auch in Lateinamerika schon immer Migrationsbewegungen gab, die sich aber in den vergangenen zwei Jahren deutlich intensiviert haben. Dabei gehört die zentralamerikanische zu den ältesten Migrationsbewegungen im modernen Lateinamerika. 200'000 bis 300'000 Honduraner, Salvadorianer, Nicaraguaner und Guatemalteken verlassen nach Schätzungen von Hilfsorganisationen jedes Jahr ihre Heimat, von den USA despektierlich «Hinterhof» genannt. 700 Menschen also schnüren täglich ihr Bündel und machen sich auf den gefährlichen und langen Weg gen Norden. Die rund 3000 Zentralamerikaner, die derzeit durch Mexiko ziehen, sind somit gerade mal so viele Flüchtlinge wie sonst in einer Woche den Weg in die USA auf sich nehmen. Nur bekommen sie durch Trumps Paranoia mediale Aufmerksamkeit, und sie wandern dieses Mal nicht in kleinen Gruppen versteckt und auf Zügen, sondern marschieren im kilometerlangen Treck durch Mexiko.

Doch in jüngerer Zeit sind zwei grosse Bewegungen hinzugekommen. Seit einem halben Jahr verlassen Nicaraguaner in Scharen ihr Land in Richtung Costa Rica, das Nachbarland im Süden. Sie fliehen vor der Verfolgung des links-autoritären Präsidenten Daniel Ortega. Und dann sind da die Venezolaner, die seit zwei Jahren eigentlich überall hingehen, wo man sie noch haben will. Kolumbien, Chile, Brasilien, Argentinien, Peru, Ecuador und Panama gehören zu den favorisierten Zielen derjenigen, die dem wirtschaftlichen Kollaps und der Hoffnungslosigkeit im «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» von Nicolás Maduro entkommen wollen. Zwischen 2 und 3 Millionen Venezolaner haben unterschiedlichen Schätzungen zufolge ihrer Heimat den Rücken gekehrt; aus Nicaragua sind nach Angaben von Hilfsorganisationen seit April rund 25 000 Menschen allein nach Costa Rica geflohen.

Lateinamerika ist ein Pulverfass mit brennender Lunte

Die Ursachen für diese gigantischen Flüchtlingstrecks sind meist typisch lateinamerikanisch: korrupte und unfähige Regierungen, der Aufstieg des organisierten Verbrechens zur entscheidenden Gestaltungsmacht in vielen Gegenden und die grösste Schere zwischen arm und reich weltweit. Hinzu kommt, dass Lateinamerika das gesamte Kokain für die Welt und sehr viel Heroin und Marihuana produziert und so illegale Märkte und Geschäfte und in der Folge Gewalt und Vertreibungen befeuert. Und dann ist da noch – wie in Nicaragua und Venezuela – die Neuauflage des lateinamerikanischen Caudillo. In seiner linken Variante manövrieren Männer wie Maduro und Ortega ihre Länder in den wirtschaftlichen Ruin und gehen gegen jede Art von Opposition mit Repression und Vertreibung vor. All das macht Lateinamerika zu einem Pulverfass mit brennender Lunte.

Das Groteske an diesem Wahnsinn ist: Formell herrscht erstmals seit Jahrzehnten fast überall Frieden in Lateinamerika. Keine Revolution, keine Rebellen, keine Aufstände. Aber nie waren zwischen Rio Grande und Feuerland Freiheits- und Persönlichkeitsrechte, ökonomische und soziale Errungenschaften so sehr in Gefahr wie jetzt. Besserung ist nicht in Sicht. Die Autokraten in Caracas und Managua sitzen fest im Sattel, auch weil neue geopolitische Player wie Russland und China sie am Leben halten. Und die fast sichere Wahl des Rechtsextremisten Jair Bolsonaro zum Präsidenten wird auch in Brasilien zu einer Migrationswelle führen wie seit Zeiten der Diktatur (1965 bis 1984) nicht mehr.

ausland@chmedia.ch

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