Leitartikel zum 1. August

«Gerne geht vergessen, dass die moderne Schweiz selbst ein Produkt internationaler Verträge ist»

Zum 1.August: Nicht viele Wolken trüben den Himmel ... arbeiten nicht jammern !

«Ein bisschen stolz darf man am 1. August sein. Doch vor zu viel Selbstverklärung sei gewarnt.»

Zum 1.August: Nicht viele Wolken trüben den Himmel ... arbeiten nicht jammern !

«Man zweifelt halt», sagt der Buchhändler ganz beiläufig. Wer sich derzeit die Neuerscheinungen der politischen Literatur anschaut, kann keinen anderen Schluss ziehen. Es geht um weisse, wütende Männer wie Trump und Erdogan. Es geht um Zorn, Populismus und Demokratie, die man ohnehin besser abschaffen würde. Soll doch das Los entscheiden, wer die Politik bestimmt.

Halt doch keine Insel: die Schweiz in einer Satellitenaufnahme.Bild: ho/Illustration: Marco Tancredi

Halt doch keine Insel: die Schweiz in einer Satellitenaufnahme.Bild: ho/Illustration: Marco Tancredi

Die Zeiten sind je nach Sichtweise verrückt oder spannend. Die Schweiz wirkt da geradezu langweilig. Gewiss: Auch hier ist unklar, wie man die steigenden Gesundheitskosten in den Griff kriegt, wie die Digitalisierung unser Leben verändert und ob uns die Integration aller Ankommenden gelingt. Wie reformfähig ist unser Land? Die Abstimmung über die Altersvorsorge wird bald eine Antwort geben.

Doch alles in allem gilt: Wer hier lebt, kann sich glücklich schätzen. Die Institutionen funktionieren und sind stabil, die Bürger können mitreden, die Arbeitslosigkeit ist tief, der Wohlstand gross und die Vielfalt wird gelebt. Die Thurgauer erstickten in reifer Manier den (selbst entfachten) Konflikt um das Frühfranzösisch gleich selbst, und nun debattiert das Land in aller Selbstverständlichkeit darüber, welche Minderheit bei der Wahl um die Nachfolge von Bundesrat Didier Burkhalter berücksichtigt werden soll: die Tessiner oder die untervertretenen Frauen.

Ein bisschen stolz darf man also am 1. August sein, doch vor zu viel Selbstverklärung sei gewarnt.

Dabei hört man es schon in den Ohren, das Pathos vom Sondermodell, der Unabhängigkeit, der Neutralität. Nur allzu gerne geht vergessen, dass die moderne Schweiz selbst ein Produkt internationaler Verträge ist. Am Wiener Kongress 1815 anerkannten die Grossmächte nicht nur die Schweizer Grenzen – sie verpflichteten die Eidgenossenschaft auch zur Neutralität. Nur so, von wegen Selbstbestimmung. Wer vom Bundesbrief 1291 eine direkte Linie zu den Verhandlungen mit der EU über ein institutionelles Rahmenabkommen zieht, verkennt nicht nur die Geschichte, sondern auch die Realitäten. Die Schweiz ist längst nicht so unabhängig, wie ein Grossteil der Politiker so gerne den Anschein erweckt. Gerade in Bezug auf die EU wünschte man sich ein wenig mehr Pragmatismus statt rückwärtsgerichtetes Pathos.

Es gehört zum schweizerischen Paradox, dass man extrem stolz ist auf die kleine, vernetzte Volkswirtschaft. Doch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und seine protektionistischen Überzeugungen zeigen eben auch, dass eine liberale Wirtschaftsordnung nicht gottgegeben ist. Die Schweiz ist davon aber genauso abhängig wie von ausländischen Spezialisten oder Rohstoffen. Und auf die Migrationsströme hat Recep Erdogan mit Sicherheit mehr Einfluss als unsere Justizministerin Simonetta Sommaruga.

Manche Abhängigkeiten sind gewollt, andere schlicht nicht beeinflussbar. Mit Bestimmtheit aber gilt: Die Schweiz ist keine Insel – sondern mittendrin.

Die Globalisierung – also der freie Fluss von Kapital, Gütern und auch Menschen – hat unseren Wohlstand gefördert wie auch unsere Abhängigkeiten. Der Harvard-Ökonom Dani Rodik spricht von einem Trilemma zwischen Globalisierung, Nationalstaat und Demokratie. Der Verlust an Mitbestimmung – vermeintlich oder auch nicht – fördert die Rückbesinnung auf das Nationale und die Überhöhung der Souveränität. Solche Tendenzen sind nicht nur in den USA (Stichwort Trump) und Grossbritannien (Stichwort Brexit), sondern auch bei uns sichtbar (Stichwort Zuwanderung und EU).

Was ich deshalb der Schweiz zum Geburtstag wünsche? Mehr Zukunftsglaube – und weniger Diskussionen um den Bundesbrief und fremde Richter.

doris.kleck@azmedien.ch

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1