Kolumne

Gefährliche Alleinansprüche

Die Rütliwiese: Hier schlägt das Herz eines Patrioten höher.

Die Rütliwiese: Hier schlägt das Herz eines Patrioten höher.

Kolumne über Patriotismus und die Liebe zur Heimat

Sie tauchten plötzlich auf. Die schweren Stiefel. Die bösen Gesichter. Es war eigentlich mein Fest. Ich hatte meine Freunde in eine Waldhütte im Freiamt eingeladen, um adieu zu sagen, bevor ich ein Kantonsschuljahr in den USA verbringen würde. Irgendwie musste das denen mit den schweren Stiefeln und den bösen Gesichtern zu Ohren gekommen sein. «Wer unser Land liebt, verlässt es nicht», raunte mir einer der aggressiven Unruhestifter ins Ohr. Baute sich drohend vor mir auf. Ich hielt ihm entgegen, dass mein Austauschjahr in keiner Weise bedeute, dass ich mein Land nicht lieben würde. Meine Freundin zupfte mich am Arm und zeigte auf die Kumpel in Bomberjacken hinter ihm. Ich aber war so entrüstet, dass ich mich nicht stoppen liess. Zu den Kumpels sagte ich: «Und ihr, macht einfach das, was euer Chef sagt, obwohl ihr doch seht, dass ihr eine harmlose private Feier kaputtmacht?» Jetzt zog mich meine Freundin definitiv weg. Mein Fest war zu Ende, bevor es richtig begonnen hatte.

Es war eine wüste Szene. Doch wie so oft, stellte sich die Erkenntnis, dass im Schlechten etwas Gutes liegt, erst mit der Zeit ein. Heute weiss ich, dass die Skinheads mein Ausgangspunkt waren, um gründlich über den Begriff des Patriotismus nachzudenken. Denn abgesehen davon, dass ich Gewalt und Gewaltbereitschaft schon immer abgelehnt hatte, ob von Rechts- oder Linksradikalen, wurde mir schlagartig vor Augen geführt, wie gefährlich Alleinansprüche sind. Egal, wer sie erhebt. Das glaube ich noch heute. Diese Gruppe war überzeugt, das Konzept der Vaterlandsliebe und des Patriotismus für sich gepachtet zu haben. In einer Mischung von ideologischem Irrtum und Machtanspruch. Sie definierten für sich, wer als guter Eidgenosse galt und wer nicht.

Und hier liegt das Problem: Patriotismus ist ein schwammiger, ein aufgeladener Begriff – jeder versteht etwas anderes darunter. Es gibt die, die ihn ganz ablehnen. Es gibt die, welche hauptsächlich Bürgertugenden hineinlesen, andere verbinden das Wort mit Identität. Wieder andere benutzen den Begriff als Synonym für Abschottungswünsche. Gemeinsamer Nenner aber ist die Heimatliebe. In welcher Ausgestaltung auch immer sie daherkommen mag. So hat mich auch die Formulierung gestört, als vor einigen Monaten Petri, Le Pen, Wilders und Co. gemeinsam in Koblenz den «patriotischen Frühling» ausgerufen hatten. Als ob die Jahreszeiten davor unpatriotisch gewesen wären. Man darf sich uneins sein, mit welchen Rezepten einem Land am besten gedient ist, wie viel Globalisierung, EU und Migration verträglich ist. Doch damit die Deutungshoheit über den Patriotismus zu beanspruchen, greift zu kurz.

«Wer unser Land liebt, verlässt es nicht», wurde mir also damals gesagt. Für mich gilt das Gegenteil. Erst durch das Andere schärft sich der Blick aufs Eigene. Wie etwa im Staatskunde-Unterricht in den USA: Die Klasse interessierte sich für die direkte Demokratie in der Schweiz. Staunte, dass wir so oft an die Urne gehen dürfen. Noch keine 18, realisierte ich damals, welches Privileg das Mitbestimmungsrecht des Volkes ist. Später, nach der Matura mit dem Velo durch Irland radelnd auf den Spuren der Terror-Geschichte des Landes, war ich froh, dass in der Schweiz die Religionskonflikte weit zurückliegen. Im Sprachaufenthalt im brasilianischen Pecém erzählte eine pensionierte Krankenschwester über ihre erschütternde Zeit beim IKRK. Henry Dunant war ihr Lebensheld. Als Reporterin redete ich mit Opfern von Kriegen oder Blutrache, mit Kindern, die im Slum Kleider färben, mit Journalisten, die sich verstecken müssen.

Natürlich muss ich nicht verreisen, um die grossen Pluspunkte unseres Landes zu sehen. Der sichere, der funktionierende Rechtsstaat, die Bildung. Die Gesundheitsversorgung, die Meinungs-und Pressefreiheit. Strom, Wasser. Nahrung. Alles da. Und mehr. Aber mit dem Aussenblick auf unser Land nehme ich erst recht nichts für selbstverständlich. Auch das ist eine Form des Patriotismus.

Kurz: Ich liebe mein Land. Und wie. Ich werde es aber auch in Zukunft immer wieder verlassen. Damit ich wachsam bleibe. Kommt hinzu: «Absence makes the heart grow fonder», wie die Amerikaner zu sagen pflegen. Die Liebe wächst mit der Entfernung. Aber dieses Sprichwort kannte ich damals vor dem Austauschjahr noch nicht und konnte es den schweren Stiefeln nicht sagen. Sie hätten es wohl auch nicht nachvollziehen wollen. Ihr Pech.

Die Autorin wurde in Villmergen geboren und arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen. Sie moderiert das Nachrichtenmagazin «10vor10» und ist im News-Projektteam, das sich mit der Entwicklung der Nachrichtensendungen befasst.

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