«Der Grosse Rat tagt in der Regel am Dienstag im Grossratsgebäude in Aarau.» So steht es auf der Website des Kantons. Vielleicht müsste man diese Formulierung gelegentlich anpassen: «Der Grosse Rat tagt ab und zu am Dienstag im ... etc.» Das Kantonsparlament ist kurz aus dem Winterschlaf erwacht und gleich wieder in den Frühlingsschlaf verfallen. Am 8. Januar 2019 hat es getagt, dann wieder am 5. März, das nächste Mal tagt es im Mai. Ein Sitzungskalender 2019 ist im Netz noch gar nicht publiziert, vermutlich schämt man sich ob der vielen Leerstellen. Schon in einem 2017 in der «Aargauer Zeitung» publizierten Bericht wurde die niedrige Zahl an Plenumssitzungen thematisiert. «Erst ab Mitte 2018» hiess es da, würden wieder mehr Sitzungen durchgeführt. Na ja. Im Mai muss der Rat aber in jedem Fall wieder tagen. Dann sind nämlich Fraktionsausflüge.

Die Grossratsmitglieder ärgern sich über die vielen Ausfälle vor allem, weil sie zu wenig Gelegenheit erhalten, Vorstösse einzureichen. Ganz andere Sorgen hatte kürzlich ein Leserbriefschreiber aus Rheinfelden. Unter dem Titel «Die Schweiz wird demokratiemüde» stellte er fest: «Nun macht offenbar auch die Legislative des Kantons Aargau schlapp: Sie hinkt den Problemen sträflich hinterher, weil sie die Pendenzen nicht rechtzeitig abarbeitet.» Gefährdet das Bummeltempo die Demokratie im Aargau? Auf den ersten Blick nicht. Jedenfalls fehlen typische Demokratie-Gefährder wie zum Beispiel Amtsanmassungen der Regierung. Herr Keller aus Rheinfelden braucht indessen das Wort «demokratiemüde». Hat er vielleicht doch recht? Jedenfalls fehlt bisher eine wirklich einleuchtende, belegbare These für die fehlenden Geschäfte im Grossen Rat. Vielleicht müsste sich mal ein Doktorand am Zentrum für Demokratie in Aarau des Themas annehmen.

Pikant: Kürzlich hat die Regierung ein Thema, das sie zuvor nicht durch den Grossen Rat gebracht hatte, in Eigenregie entschieden: die Neuordnung der Berufsbildung im Kanton. Der Trick: Sie hat zwar einzelne Ausbildungen verlegt, einige Standorte geschwächt, aber keinen ganz geschlossen. Damit konnte sie das Parlament aussen vor lassen, ohne Verletzung der Kompetenzordnung. Aufschrei im Grossen Rat? Fehlanzeige. Vermutlich waren sich die Parlamentarier bewusst, dass sie selber diese Situation verursacht hatten: Weil viele von ihnen bloss ihre Region vertraten («sicher nicht bei uns schliessen!»), waren zuvor mehrere Vorschläge der Regierung gescheitert. Ob sich der Grosse Rat mitunter mit fehlender Kompromissbereitschaft selber schwächt?