Der bisherige Nachrichtendienstchef Markus Seiler war ein präziser und intelligenter, aber farbloser und zurückhaltender Technokrat. Vom Geheimdienstgeschäft hatte VBS-Generalsekretär Seiler 2010 keine Ahnung, als ihn Verteidigungsminister Ueli Maurer in den Job wegbeförderte. Und von Anfang an war klar, dass der Politikwissenschafter von den Geheimdienstprofis in seinem neuen Laden nicht richtig ernst genommen wurde. Es spielte mit, dass Seiler keine Militärkarriere vorzuweisen hatte.

Sein Nachfolger Jean-Philippe Gaudin ist so ziemlich das Gegenteil. Er hat nicht studiert, sondern ein Handelsdiplom erworben, bevor er Berufssoldat wurde. Seit 32 Jahren trägt er Uniform, wurde zum Geheimdienstprofi, leitete den Militärnachrichtendienst, hat viel Auslanderfahrung. Zuletzt war er als Verteidigungsattaché in Paris tätig, im Umfeld internationaler Geheimdienste. Gaudin ist also ein erprobter Mann vom Fach, er wird mit seinen neuen Untergebenen auf Augenhöhe arbeiten können. Er ist zudem extrovertiert, ein Waadtländer Geniesser, der laut spricht und laut lacht. 

Der Entscheid des Bundesrats, den Waadtländer als Chef des Nachrichtendiensts zu installieren, ist nachvollziehbar. Gaudin könnte der Mann sein, der die Autorität und die Durchsetzungskraft hat, um den Geheimdienst zu disziplinieren und dafür zu sorgen, dass er sich ans Gesetz hält. Aber der Entscheid ist auch mutig: Ob Gaudin den Sprung vom begeisterten Soldaten zum überlegten Chef des zivilen Geheimdienstes schafft, muss sich erst noch weisen.