Was ich schreibe, will mein Sohn (bald 8) wissen. Ich kommentiere, ob es richtig ist, dass Xhaka, Shaqiri und Lichtsteiner nicht gesperrt werden. Xhaka und Shaqiri seien super, sagt mein Sohn. «Aber wer ist der dritte?» Lichtsteiner, der Captain der Schweizer Nationalmannschaft. «Was haben die drei gemacht?» Den Doppeladler. «Was ist das?» Das Wappentier Albaniens. «Und wie sieht das aus?» Ich mache es vor. «Warum ist das schlimm, wenn sie so jubeln?» Weil es Leute in diesem Land gibt, die sich verraten fühlen, wenn ein Schweizer Spieler ein fremdes Zeichen macht. «Ist doch egal. Die Schweiz hat gewonnen. Aber wenn ich mal an der WM spiele, juble ich anders.»

Könnten wir doch nur so unverkrampft Fussball-WM gucken wie unsere Kinder. Aber in der Schweiz verdrängt der Doppeladler, die Diskussion über richtige und weniger richtige Schweizer, die Freude über den Sieg gegen Serbien. In Schweden wird der Spieler Jimmy Durmaz über soziale Netzwerke rassistisch beleidigt, weil er den Freistoss verursacht hat, der zum späten Siegtreffer für Deutschland führte. Sogar Morddrohungen hat der Sohn assyrischer Eltern erhalten. In Deutschland wünschen sich mehr Menschen als auch schon ausschliesslich blonde Spieler mit blauen Augen, denen im Gegensatz zu Mesut Özil und Ilkay Gündogan bewusst ist, dass Recep Tayyip Erdogan nicht ihr Präsident ist. Und der serbische Trainer Mladen Krstajic macht den Schiedsrichter für die Niederlage gegen die Schweiz verantwortlich. Er hob gar einen nicht gegebenen Penalty für Serbien auf die Stufe der Menschenrechtsverletzungen. «Ich würde ihn nach Den Haag schicken. Damit sie ihm den Prozess machen, wie sie ihn uns gemacht haben», tobte Krstajic.

Fragen nach nationaler Identität erleben derzeit Hochkonjunktur. Was Kulturpessimisten veranlasst, den Sinn und Zweck von Fussball-Nationalmannschaften infrage zu stellen. Quasi Übungsabbruch, bevor der Fussball endgültig zur Geisel der Nationalisten wird. Gemessen an den ohrenbetäubenden Nebengeräuschen an dieser WM ist die Frage, ob das alles noch zeitgemäss ist, durchaus berechtigt. Aber nicht zielführend. Die Welt braucht Fussball-Nationalmannschaften mehr denn je. Weil sie identitätsstiftend sind; weil sie in Einwanderungsländern wie der Schweiz für jene Menschen ein Ziel darstellen, die zugewandert sind. Aber wir sollten den Nationalmannschaften nicht zu viel aufladen.

Allein schon der Wunsch, das Nationalteam möge die Nation bestmöglich abbilden, ist vermessen. Schliesslich ist Fussball ein sportlicher und kein repräsentativer Wettbewerb. An die Berufs-WM entsenden wir auch nicht jenen Koch, der die Hymne am lautesten singt. Es ist ganz simpel: In eine Fussball-Nationalmannschaft gehören die besten Spieler des Landes. Und die besten Kicker sind meist nicht jene, die wissen, wer, wann, gegen wen in Sempach gekämpft hat.

Heute kann man im Fussball nicht mehr en passant Karriere machen. Eine Profilaufbahn bedingt von Kindsbeinen an eine enorme Leistungs- und Opferbereitschaft. Kinder aus Familien mit bildungsbürgerlichem Hintergrund – nennen wir sie Künzli – sind dazu meist nicht bereit, weil wohlstandsverwahrlost. Nach der obligatorischen Schulzeit parallel zum Fussball eine Ausbildung zu absolvieren, ist zwar ein hehrer Ansatz. In der Realität stehen die talentiertesten Teenager aber bereits mit 15 vor der Wahl: Fussball oder Beruf. Der Wettbewerb um die wenigen Plätze im Profi-Fussball lässt keine Halbheiten zu. Nichts gegen Detailhändler: Aber wenn das die Alternative zum Fussballer ist, fällt der Entscheid einfacher, als wenn eine akademische Laufbahn winkt.

Wahrscheinlich werden wir die noch ungeborenen Kinder von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri nie im Nationalteam sehen. Denn sie müssen weder um Anerkennung kämpfen, noch bietet ihnen der Fussball die Chance zum sozialen Aufstieg. Deshalb ist die Debatte, ob die Doppeladler echte oder unechte Schweizer sind, obsolet. Eher sollten wir anerkennen, dass sie einen Weg gegangen sind, der für viele Künzlis in diesem Land keine Option ist, weil er entbehrungsreich und riskant ist.

Übrigens: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass mein Sohn je an einer Fussball-WM teilnehmen wird. Und er kennt genau einen schwedischen Fussballer: Zlatan Ibrahimovic.

francois.schmid@azmedien.ch

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