Kolumne

Fuck Schamlosigkeit

Reeto von Gunten: «Wir dürfen uns nicht an Sexismus, Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung gewöhnen, weil wir nicht aufgeben dürfen, wofür die Menschheit jahrhundertelang gekämpft hat.» (Archivbild)

Reeto von Gunten: «Wir dürfen uns nicht an Sexismus, Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung gewöhnen, weil wir nicht aufgeben dürfen, wofür die Menschheit jahrhundertelang gekämpft hat.» (Archivbild)

In seiner Kolumne schreibt Reeto von Gunten, selbständiger Autor und Künstler, über die unheimliche Macht, sich an alles zu gewöhnen.

Bitte entschuldigen Sie die derbe Ausdrucksweise, geben Sie mir einen Moment; ich werde mich erklären. Am Tag, an dem meine erste Beziehung in die Brüche ging, sagte irgendein Erwachsener zu mir, dass der Schmerz vorbeigehen und ich mich an die Situation gewöhnen würde. Ich war 15, glaube ich, oder 16 und fand diese Vorstellung derart katastrophal, dass ich an jenem Abend bloss einen einzigen Satz in mein Tagebuch schrieb: «Das Schlimmste ist, dass man sich daran gewöhnt.»

Selbstverständlich habe ich mich trotzdem daran gewöhnt, irgendwann. Das elende Gefühl wurde kleiner, die Zeit half heilen, die Prognose stimmte. Seither habe ich mich weiter gewöhnt: an Enttäuschungen, Schmerzen und Ängste, an Ungerechtigkeiten, Gemeinheiten und Tiefschläge. Meine Gewöhnungsfähigkeiten wurden immer besser, zuverlässiger und effektiver.

Mittlerweile komme ich mit Dingen zurecht, die ich mir als Teenager nie hätte träumen lassen. Ich beobachte tatenlos den Zerfall des Klimas und der Regenwälder, den Abstieg meines Lieblingsfussballclubs und den Untergang der Musikindustrie. Ich akzeptiere Menschen, die während eines Gesprächs ihr Handy checken, lese schlechte Gratiszeitungen, schaue zu, wie Menschen ertrinken im Mittelmeer, gehe wortlos an Bettlern vorbei und den Problemen anderer aus dem Weg. Ich bin irgendein Erwachsener geworden. Ich habe mich sogar daran gewöhnt, dass ich mich daran gewöhnt habe.

Wer ein Problem akzeptiert, wird gleichzeitig ein Teil davon

Sich an etwas zu gewöhnen, ist ein natürlicher Prozess: Er hilft uns dabei, uns zurechtzu- finden mitten in all dem Wirrwarr aus Eindrücken und Gefühlen, die unseren Alltag ausmachen. Hätten wir uns nicht daran gewöhnt, würden wir womöglich verzweifeln am Leben. Doch diese Strategie hat, befürchte ich, einen entscheidenden Haken: Währenddem man sich an etwas gewöhnt, vollzieht man eine sonderbare Verwandlung – man wird bezüglich des entsprechenden Themas stumpf und gleichgültig. Woran man sich gewöhnt hat, stört einen nicht mehr, es wird akzeptabel. Doch wer ein Problem akzeptiert, wird gleichzeitig ein Teil davon.

Seit einiger Zeit sehe ich mich, gerade in diesem Zusammenhang, mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Zwei meiner bis vor kurzem unverrückbar und felsenfest scheinenden moralischen Selbstverständlichkeiten werden vor meinen Augen zerstört: die Wahrheit und das Schamgefühl. Es wird gelogen, dass sich die Kirchtürme biegen, und, darauf angesprochen, wird einfach weitergelogen, ohne jegliche Einsicht oder Scham. Das Schlimmste daran ist, dass es bewusst geschieht. Denn die, die diese schamlose Lügerei praktizieren, wissen, dass man sich an ihr Gebaren gewöhnen wird. Sie wissen, dass was kontinuierlich wiederholt irgendwann halt akzeptiert wird, um sich nicht unmittelbar und dauernd damit konfrontieren zu müssen.

Die Menschlichkeit steht auf dem Spiel, Anstand und Mitgefühl

Heute wird mit System gelogen. Um uns zur stumpfen Gewöhnmasse zu machen, die sich alles ohne Vorbehalt servieren lässt. Und man schämt sich keine Sekunde dafür. Nein, es geht sogar noch weiter. Die Desinformation hat System. Sie geschieht rücksichtslos, monoton und grauenhaft wirkungsvoll: Wir sind alle längst dabei, uns an sie zu gewöhnen, alles zu akzeptieren, was man uns glauben macht.

Doch das darf nicht geschehen. Wir dürfen uns nicht an Sexismus, Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung gewöhnen, weil wir nicht aufgeben dürfen, wofür die Menschheit jahrhundertelang gekämpft hat. Die Menschlichkeit steht auf dem Spiel, Anstand und Mitgefühl. Alles, was wir unter Zivilisation verstehen, droht zerstört zu werden. Ich weiss, dass ich nicht der Einzige bin, der gegenwärtig solche Reden schwingt, aber genau darum geht es: Wir müssen uns immer wieder von Neuem gegenseitig darin bestärken, die Lügen zu entlarven. Wir dürfen uns nicht an diese dreiste Taktik gewöhnen, sie darf nicht zur Normalität werden. Es steht zu viel auf dem Spiel.

Fuck Schamlosigkeit.

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