Der fast einhellig geäusserte Wunsch aus der Politik, Joachim Gauck möge doch bitte eine zweite Amtszeit als Bundespräsident anhängen, darf der 76-Jährige als Zeichen der Anerkennung für seine Arbeit werten. Das ist der eine Grund für das Bedauern über seinen Rücktritt. Der andere Grund ist der Zeitpunkt für die Neuwahl des Staatsoberhauptes. Im Februar 2017 muss die Bundesversammlung den neuen Präsidenten küren – nur wenige Monate vor der Bundestagswahl. Damit fällt die Wahl des Staatsoberhauptes mit dem Beginn des Wahlkampfes für das Parlament zusammen.

Wer auch immer Kandidat sein wird: Von der Wahl des Bundespräsidenten geht ein klares Signal für die Bundestagswahl aus. Wer will mit wem regieren? Portieren SPD und Union einen gemeinsamen Kandidaten und signalisieren damit, dass sie die Grosse Koalition fortführen wollen? Gerade das will in Berlin allerdings niemand.

Die deutsche Politik hat die Entwicklung im Nachbarland Österreich als Warnung gedeutet. Dort scheiterte der Kandidat der rechtspopulistischen FPÖ bei der Bundespräsidentenwahl denkbar knapp. Dass die Rechtspopulisten beinahe das Staatsoberhaupt stellen konnten, liegt an der schrumpfenden Bedeutung von SPÖ und ÖVP. In Deutschland kommt mit der Alternative für Deutschland ebenfalls eine rechtspopulistische Kraft auf – ein Zeichen dafür, dass die Bevölkerung Veränderung will.

In Deutschland ist der Bundespräsident immer auch Impulsgeber für die Gesellschaft. Eine die Gesellschaft polarisierende Kampfwahl wäre bedauerlich.