Die Entwicklung im Irak und in Syrien auf einen Nenner zu bringen, ist schwierig. Iraker und Amerikaner melden Erfolge im Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat: Die Rückeroberung der irakischen Stadt Falludschah, 60 Kilometer westlich von Bagdad, steht bevor; langfristig soll dem IS auch die Millionenstadt Mossul im Norden entrissen werden. Die Hauptstadt der Provinz al-Anbar, Ramadi, wurde schon Ende 2015 befreit.

Die Lage in Syrien ist verworrener. Zwar ist der IS auch hier in Bedrängnis; die Amerikaner haben eine Offensive gegen die IS-Hochburg Rakka angekündigt. Gleichzeitig scheitern Friedensverhandlungen; der Chefunterhändler der Opposition, Mohammed Allush, hat soeben seinen Rücktritt erklärt. Dem syrischen Regime wirft er vor, den Waffenstillstand laufend zu brechen; die Anti-Assad-Koalition beschuldigt er, zu wenig dagegen zu unternehmen.

Man ist versucht, aus den aktuellen Ereignissen im Irak den Schluss zu ziehen, auch in Syrien wäre eine massive militärische Intervention das beste Mittel, millionenfaches menschliches Leid endlich zu beenden, den islamistischen Terror auszurotten und die Lage zu stabilisieren. Doch leider gibt es keine einfachen Lösungen für komplizierte Probleme.

Libyen und Irak
als abschreckende Beispiele

Erstens führen militärische Interventionen selten zu nachhaltiger Stabilität. Ein abschreckendes Beispiel ist Libyen. Der Nato gelang zwar im März 2011 ein rascher Sieg über das Gaddafi-Regime. Der Diktator wurde abgesetzt, tauchte unter, wurde aufgespürt und umgebracht. Doch das Land versinkt im Chaos, zerfällt in mehrere einander bekämpfende Einflussgebiete und ist damit weit offen für die Massenmigration aus Afrika. Und der IS – im Irak und Syrien unter Druck – findet hier willkommene Rückzugsgebiete.

Zweitens ist auch der Irak kein taugliches Beispiel: Auf die US-Invasion am 20. März 2003 und den Sturz des Diktators Saddam Hussein folgten Jahre des Bürgerkrieges, des Terrors, der Kriminalität. Der IS konnte sich im Irak breitmachen und unsägliche Verbrechen begehen. Bis heute gibt es fast täglich Anschläge, oft mit Dutzenden von Toten, über die westliche Medien nur noch punktuell berichten.

Eine weitere Folge des Krieges ist die ebenfalls wenig rapportierte, systematische Verfolgung der Christen. Vor Saddams Machtergreifung 1979 zählte man rund 1,4 Millionen Christen im Irak, nach Saddams Sturz noch rund 700 000; jetzt ist ihre Zahl auf wenige Zehntausend geschrumpft.

Drittens dürfte eine militärische Lösung in Syrien noch schwieriger sein. Immerhin gibt es im Irak eine Regierung, die sich auf die (schiitische) Bevölkerungsmehrheit abstützt, vom (schiitischen) Nachbarn Iran gefördert und von Russland und China toleriert wird. In Syrien hingegen kämpfen alle gegen alle: sunnitische Fundamentalisten, Amerikaner, gemässigte Oppositionelle gegen das Regime von Bascher al-Assad; Russen, Iraner und schiitische Libanesen auf Assads Seite gegen sunnitische Oppositionelle und gegen diverse islamistische Terrororganisationen; Amerikaner gegen die radikalen Islamisten, die teilweise von den Saudis, Katar und der Türkei unterstützt werden, welche ihrerseits mit den USA verbündet sind.

Der zurückgetretene Mohammed Allush verkörpert den syrischen Wirrwarr idealtypisch: Allush gehört zur Bewegung Jaish al-Islam («Armee des Islam»). Sie wird von Saudi-Arabien und der Türkei gesponsert, vertritt eine salafistische Ideologie und strebt einen Gottesstaat auf Basis der Scharia an. Das Assad-Regime und die Russen stufen Jaish al-Islam als Terrorgruppe ein; unter normalen Umständen würden Amerikaner und Europäer diese Klassifikation wohl teilen.

Die USA müssten bereit sein, alle notwendigen Mittel einzusetzen

Also ist Krieg kein gangbarer Weg? Vielleicht doch. Die USA als alleinige militärische Weltmacht müssten bereit sein, alle notwendigen Mittel einzusetzen und eine Konfrontation mit den Russen zu riskieren. Nach dem Sieg über Nazi-Deutschland 1945 blieben die Amerikaner zehn Jahre. Sie organisierten Kriegsverbrecherprozesse; sie halfen mit Milliarden, die Wirtschaft in Schwung zu bringen; sie förderten den Aufbau der westdeutschen Demokratie. Ähnliches wäre im Irak, in Syrien, in Libyen vonnöten. Wer nicht bereit ist, diese Opfer zu bringen, einen Mehrfrontenkrieg zu führen, substanziell zu Wiederaufbau und Staatenbildung beizutragen und so lang zu bleiben wie nötig, soll die Finger von diesen Ländern lassen.

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