Welch eine Anrufung: «Mnemosyne, ich beschwöre dich»! Auf Russisch ergebe das eine wunderbare Alliteration, sagen Russischkenner. Den Titel wollte Vladimir Nabokov seinem Erinnerungsbuch geben. Wer den Meisterstarrkopf in Stilfragen kennt, weiss, dass sich Nabokov heftig dagegen sträubte, den Titel zu ändern. Auch im Englischen beharrte er auf Anrufung der Mnemosyne, Göttin der Erinnerung, bis zum Machtwort des Verlegers: «Können Damen einen Titel nicht aussprechen, kaufen sie ihn nicht.»

Auf Deutsch heisst das Buch seither: «Erinnerung, sprich» (Amerikanisch: «Memory, speak»). In der Tat ein Buch der Gnade. Mnemosyne, die Mutter der neun Musen, die sie in neun Nächten mit Gottvater Zeus zeugte, breitete dem Autor einen ganzen Zauberteppich an Erinnerungen aus, den besten, den ich kenne. Man hätte dem begnadeten Verfasser und der Göttin zur Ehre das «Fremdwort» nicht herausoperieren sollen, auch wenn dadurch ein paar Bücher weniger verkauft worden wären.

Fremdwörter, die nur der Wichtigtuerei dienen, gehören ausgemerzt bzw. ersetzt durch schlankes Deutsch. Aber sich immer nach dem Simplen und Stumpfen zu richten, ist fatal. Jeder Mensch will irgendwie wachsen, will höher hinaus, reich werden: materiell, vor allem aber an Herz, Verstand und Seele. Danach soll man sich richten.