Wie oft haben wir Frauen uns zu Recht beklagt, dass für die Medien nicht einmal der zynische Spruch: «Männer handeln – Frauen kommen vor» zutrifft. Wir kommen nicht einmal vor. Zumindest nicht in den Medien. Und wenn, dann vor allem auf den Unterhaltungsseiten respektive in den Unterhaltungssendungen.

In den letzten Monaten hat sich das ziemlich geändert. Sowohl in der politischen als auch der wirtschaftlichen Berichterstattung kommt das weibliche Geschlecht sehr prominent vor. Bundesrätin Doris Leuthard ist nicht nur wegen der «No Billag»-Initiative omnipräsent. Sie ist es, seit sie ihren Rücktritt noch während dieser Legislatur angekündigt hat, auch wegen der Post, wegen der allfälligen Übernahme des Raiffeisen-Präsidiums, wegen der SBB. SBB-Präsidentin Monika Ribar war nicht nur in den Schlagzeilen wegen ihres Verwaltungsratsmandats in einer fragwürdigen Offshore-Firma, sondern auch wegen ihres Mandats beim Baustoffkonzern Sika. Susanne Ruoff als CEO der Schweizerischen Post kommt nicht mehr aus den Medien heraus. Der Verzicht der Zürcher Stadträtin Claudia Nielsen auf eine erneute Kandidatur ist auch zwei Wochen nach Bekanntgabe noch ein grosses Thema.

Grundsätzlich hat das durchaus seine positiven Seiten. Es zeigt nämlich, dass es Frauen mittlerweile doch in ansehnlicher Anzahl in Spitzenpositionen gebracht haben. Wer ganz oben ist, wird genauer beobachtet und etwas weniger genau interpretiert.

Die Interpretation ist denn auch der Beweis dafür, dass sich in der unterschiedlichen Wahrnehmung von mächtigen Männern und Frauen noch nicht viel geändert hat. Obwohl die Geschlechterforschung seit Jahrzehnten darauf hinweist, dass gleiche Verhaltensweisen von Mann und Frau verschieden interpretiert werden, wird weiterhin mit zwei Ellen gemessen: Der Mann hat eine klare Haltung. Die Frau ist stur. Der Mann scheut sich nicht, offen und laut zu sagen, was er denkt. Die Frau drängt sich vor. Der Mann übt seine Autorität geschickt aus. Die Frau ist machtbesessen.

Beispiele gefällig? «Post-Chefin Ruoff: Miss Perfect wankt». «Post-Chefin klammert sich an ihren Sessel». «Vermasselt sie ihre zweite Karriere?» und «Die Heilige der letzten Tage» schreibt man über Bundesrätin Doris Leuthard. Im Zusammenhang mit den Gerüchten, wonach Doris Leuthard nach ihrer Bundesratszeit das VR-Präsidium der Raiffeisen übernehmen könnte, wird flugs die nächste Frau in Zweifel gezogen: Als «vor über zehn Jahren» (genau: Es ist über zehn Jahre her!) der damalige Bundesrat Moritz Leuenberger einen neuen Post-Präsidenten suchte, habe Headhunterin Doris Aebi «Claude Béglé aus dem Hut gezaubert». Dass Doris Aebi beileibe nicht einfach gezaubert, sondern vertieft recherchiert und den Bundesrat explizit auf das Risiko dieser Nominierung hingewiesen hatte, wird selbstverständlich totgeschwiegen.

Betrachten wir als Vergleich ein paar Männer in Spitzenpositionen, die sich in letzter Zeit nicht nur mit Ruhm bedeckt haben. Da wäre beispielsweise CS-VR-Präsident Urs Rohner. Obwohl sich die Managergehälter nicht im Geringsten im Einklang mit dem operationellen Ergebnis bewegten, hielt er an den überrissenen Gehältern und Boni fest. Die Aktionäre schoben ihm zwar den Riegel, aber die schlimmste Schlagzeile, die Rohner gewärtigen musste, war: «Urs Rohner hat sich arg verschluckt». Pierin Vincenz, den sich die Finma aufgrund seines zumindest sehr ungeschickten Verhaltens genauer anschaute, musste sich die Schlagzeile «Der Patron in der Bank ist out» gefallen lassen. Der Begriff Patron, das sei hier angemerkt, ist positiv besetzt.

Alle erwähnten Frauen haben Fehler gemacht, zum Teil gravierende. Jeder Fall ist auch etwas anders gelagert. Es wäre deshalb falsch, alle über einen Leisten zu schlagen. Wenn die Zürcher SP-Co-Präsidentin sagt, würde Claudia Nielsen Claudio Nielsen heissen, hätte man sie nicht so hart angepackt, so macht sie es sich zu einfach. Frauen an der Macht sollen in der Sache kritisiert und nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. Wer sich für eine Spitzenposition zur Verfügung stellt, muss als Frau gewärtigen, unter besonderer Beobachtung zu stehen und wohl oder übel damit leben können. Doch eine Hexenjagd, wie sie aufgrund oben beschriebener Beispiele vor allem durch eine herabmindernde und trivialisierende Berichterstattung nach wie vor betrieben wird, sollte nach Jahrzehnten endlich aufhören. Dem Mittelalter, müsste man meinen, sollte die heutige Gesellschaft entwachsen sein.

Die Autorin aus Zürich ist Publizistin, Moderatorin, Dozentin und Verfasserin mehrerer Bücher. Als Journalistin war sie unter anderem Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers». Die ausgebildete Juristin (Dr. iur.) ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.