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Frau Lüschers Geheimnis: Sie macht einen Schritt in die digitale Unabhängigkeit

Frau Lüscher hat jetzt eine eigene Mailadresse – ihrem Mann sagt sie das allerdings nicht.

Frau Lüscher hat jetzt eine eigene Mailadresse – ihrem Mann sagt sie das allerdings nicht.

Frau Lüscher hat vor ihrem Mann ein Geheimnis. Nicht so vor Kolumnist Jörg Meier – ihm hat sie es verraten.

Frau Lüscher hat wieder angerufen. Sie habe keine Geheimnisse vor ihrem Mann, sagte sie – und präzisierte dann: fast keine. Bisher habe es sie kaum gestört, dass sie keine eigene Mailadresse habe. Der gemeinsame Mailaccount von Herrn und Frau Lüscher heisse «luescherfam». Das sei so, seit ihr Mann vor bald 20 Jahren das Mail installiert und ihr erklärt habe, wie das mit dem Internet funktioniere.

Im Geschäft habe ihr Mann natürlich noch eine zusätzliche, persönliche Mailadresse; sie aber musste bisher «luescherfam» mit ihrem Mann teilen; alles, was sie schrieb, jedes Mail, das sie erhielt, konnte er mitlesen. Sie sei sich dadurch ein bisschen überwacht vorgekommen; ihr Mann habe die gemeinsame Mailadresse indes nicht in Frage gestellt.

Sie habe sich in der Damenriege erkundigt. Die meisten ihrer Turnkolleginnen hätten längst ein eigenes Mailkonto. Die jüngeren sowieso, aber auch die älteren. Da habe sie beschlossen, dass es höchste Zeit sei, dass auch die Frau Lüscher eine eigene Mailadresse kriege.

«Eine Kollegin hat mir gezeigt, wie man sich das macht. Dann habe ich mir mein eigenes E-Mail-Konto eingerichtet», erzählte Frau Lüscher. Es sei ein gutes Gefühl, jetzt auch in Sachen E-Mail unabhängig zu sein. Ihrem Mann habe sie bisher noch nichts von ihrem Account erzählt; nein, sie habe überhaupt kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil: Sie fühle sich jetzt recht frei.

«Das wollte ich Ihnen mitteilen», sagte Frau Lüscher, «dass Sie mich also ab sofort auch per Mail persönlich erreichen können.» Dann diktierte sie mir ihre Mailadresse.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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