Meiereien

Frau Lüscher und die Wilden auf den Velos

Ein Mann unterwegs auf dem Fahrrad (Symbolbild)

Ein Mann unterwegs auf dem Fahrrad (Symbolbild)

Frau Lüscher hat wieder angerufen. Ich solle doch einmal etwas über die Frühlings-Invasion der Velo fahrenden Männer auf Mallorca schreiben, schlug sie vor. Ich schwieg. Frau Lüscher deutete mein Schweigen als Aufforderung zum Erzählen. Und sie legte los.

«Sie sind überall. Auf jeder Strasse. Egal, ob bergauf, bergab oder auf der Ebene. Sie schiessen dir aus den Kurven entgegen, rechnen damit, dass du schon brav bremsen wirst oder zumindest irgendwie ausweichst. Sie fahren grundsätzlich nebeneinander, sodass du sie nicht oder nur auf halsbrecherische Art überholen kannst.

Sie haben aber keinerlei Bedenken, dich samt deinem Auto zu überholen, wenn du auf der engen Passstrasse vorsichtig talwärts fährst. «Du Depp», rufen sie dir zu und anderes, wenn sie an dir vorbeipreschen. Garantiert triffst du sie dann im nächsten Städtchen im Strassencafé, das sie in Besitz genommen haben. Derweil ihre Rennmaschinen den Durchgang versperren. Sie treten meist in Rudeln auf, die sie «Gruppetto» nennen. Eigentlich fahren sie alle schneller als sie können, aber das gibt keiner zu, denn das wäre dann der Loser.

Wissen die eigentlich, wie blöd sie aussehen mit ihren farbigen, hautengen Trikots, die jede Körperrundung präzis abzeichnen, ja gar noch betonen, sodass man gerne wegsieht. Dazu ihre gepolsterten Füdli, fürchterlich!»

Hier unterbrach ich Frau Lüscher resolut, dankte ihr für die wertvollen Informationen und legte auf. Selbstverständlich werde ich kein einziges Wort schreiben. Schliesslich habe ich gute Kollegen, die auch jeden Frühling nach Mallorca fliegen und die Insel mit dem
Velo bearbeiten. Zudem bin ich strikt gegen jede Art von Kampagnenjournalismus.

jörg.meier@azmedien.ch

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Jörg Meier

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