Frau Lüscher hat wieder angerufen. Im Grill auf ihrer Terrasse habe sie ein Wespennest entdeckt. Nun wisse sie nicht, was tun. Das Nest müsse weg, das schon. Denn ihr Mann grilliere gern und gut, und der Start zur Grillsaison stehe unmittelbar bevor. Zudem machten die auf der Terrasse herumschwirrenden Wespen einen aggressiven Eindruck. «Aber wie entfernt man ein Wespennest aus einem eisernen Grill?», fragte Frau Lüscher.

Ich sagte, leider sei ich überhaupt nicht kompetent, was das zielführende Entfernen eines Wespennestes aus einem Grill betreffe. Frau Lüscher schien das auch nicht erwartet zu haben. Jedenfalls redete sie ohne Unterbruch weiter. Im Internet habe sie gelesen, dass man Wespennester sofort entfernen müsse. Aber sie können doch wegen eines faustgrossen Nests
nicht die Feuerwehr kommen lassen. Die Redensart «in ein Wespennest stechen» sei zudem sehr berechtigt – wer unbedacht ein Wespennest angreife, müsse sich auf einiges gefasst machen.

Und die Nachbarin habe gesagt, mit Gift gegen ein Wespennest vorzugehen, sei ein barbarischer Akt, man müsse die Nester vorsichtig zügeln und keinesfalls zerstören. Ihr Mann schliesslich wolle einfach den Grill einfeuern. Damit löse sich das Problem von selbst, habe er machomässig geprahlt.

Aber das Schlimmste: Gestern Abend habe sie bei Ferdinand von Schirach die Geschichte vom Boxer gelesen, der nach einem Wespenstich an einem anaphylaktischen Schock gestorben sei. Sie habe daraufhin schlecht geschlafen und Schreckliches geträumt: grillgrosse Wespen hätten sie verfolgt. Sie sei ganz durcheinander, sehe überall nur noch Wespen.

Da wurde mir klar, was ich zu tun hatte: Am Abend würde ich als Erstes meinen Grill nach Wespennestern absuchen.