Meiereien

Frau Lüscher schläft schlecht

Jörg Meier

Frau Lüscher hat wieder angerufen. Bis gestern Abend habe sie sich recht gesund gefühlt, sagte sie. Aber jetzt sei sie nicht mehr sicher, ob sie nicht vielleicht doch eher recht krank sei und es bisher einfach nicht gemerkt habe. Sie habe jedenfalls fürchterlich schlecht geschlafen und schlimme Gedanken hätten sie geplagt. Ich erkannte, dass Frau Lüscher jemanden brauchte, der ihr zuhörte. Also fragte ich nur kurz. «Was ist passiert?»

Sie habe vor dem Einschlafen das Gesundheitsheftli durchgeblättert, das da gratis zusammen mit der Zeitung im Briefkasten gelegen habe. Aber das sei kein Gesundheitsheftli, das sei ein Krankheitsheftli. Das schildere alle möglichen Krankheiten, die überall heimtückisch lauern; einige habe sie bisher gar nicht gekannt: Verstauchungen, Quetschungen, Zerrungen, Haarausfall, Mundfäule, Mundsoor, Schlaflosigkeit, Benzodiazinabhängigkeit, Hallux, Hammerzehen, hängende Schultern, Hohlkreuz, Quellbäuchlein, Eisenmangel, Blähungen, Verstopfung, Durchfall, Magenbrennen, Arthrose, Reizdarmsyndrom, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Blasenschwäche, Hormonsubstitution…»

Ich unterbrach Frau Lüschers Aufzählung. Bestätigte, dass das doch etwas viel Krankheit auf den Abend gewesen sei. Das Schlimmste aber sei, fuhr Frau Lüscher fort, dass zu jeder Krankheit auch noch gleich das passende Medikament angeboten werde. Sie habe im ganzen Heftli Werbung für 42 verschiedene Medikamente gezählt. Das gehe doch ins Geld; sie habe in ihrer schlaflosen Nacht erkannt, dass sie es sich gar nicht leisten könne, krank zu sein. Doch auch die Medikamente, die sie unbedingt brauche, um gesund zu bleiben, könne sie sich genauso wenig leisten. Wieder wusste ich keinen Rat.

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