Schule

Fördern ja – aber die Richtigen

Wird begabten Schülern im Unterricht langweilig, kann das schlechtere Noten zur Folge haben. (Symbolbild)

Wird begabten Schülern im Unterricht langweilig, kann das schlechtere Noten zur Folge haben. (Symbolbild)

Die Lehrer denken um – oder sie versuchen es zumindest. Begabte Schülerinnen und Schüler sollen künftig besser gefördert werden. Das fordert der Lehrerverband in einem neuen Positionspapier. Die Idee ist richtig. Zu lange setzten die Schulen ihren Fokus auf Defizite. Die lobenswerte Praxis, schwachen Schülern zu helfen, ist mancherorts aus dem Ruder gelaufen. Mittlerweile werden Defizite erkannt, wo keine sind. Die Zahlen sind erdrückend: Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm kommt zum Schluss, dass sechs von zehn Kindern vor der Einschulung eine Form der Therapie hinter sich haben. Ob die tatsächlich nötig ist, bleibt offen.

Hingegen wird Talent oft übersehen. Die Unterrichtsforschung zeigt, dass jedes fünfte Kind zu mehr fähig wäre, als es leistet. Auch deshalb tun Schulen gut daran, vermeintliche Schwächen nicht zu überschätzen und stattdessen an die Talente der Kinder zu glauben. Eine flächendeckende Begabtenförderung hätte zudem einen weiteren Vorteil: Im Zeitalter übermotivierter Eltern werden oft die falschen Schüler gefördert. Kinder aus Akademiker-Familien sind am Gymnasium übervertreten. Kurse in den Sommerferien, Nachhilfe-Lehrer und Eltern, die eine schlechte Note bis vor Gericht ziehen, verzerren das echte Potenzial. Die Chancengleichheit leidet.

Doch das Bildungsdoping hält nicht lange. Am Gymnasium haben gepushte Kinder meistens Mühe – und werden später ausgesiebt. Sie hätten mehr Talent für eine Lehre gehabt. Was übrigens nicht der schlechtere Weg ist, bloss ein anderer, manchmal mit besseren Berufschancen. Talente erkennen und fördern – egal welche es sind: Das hilft nicht nur den Kindern, sondern auch den Schulen und der Wirtschaft.

yannick.nock@chmedia.ch

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