«Fühl dich jetzt bitte nicht sexuell belästigt, aber du hast echt schöne Augen», hauchte er. Der Mann, der mich offenbar gerade anzumachen versuchte, stand neben mir an der Bar, ich bestellte ein paar Biere für meine Freundinnen und mich. Fragend schaute ich ihn an. Meint er das ernst?

Du tust schwierig, liebes Leben. Da kämpfen Frauen und Männer gegen Sexismus und für mehr Gleichberechtigung – und dann das: Die himmlischen Freuden des Flirts sind in Gefahr. Das kleinste Augenzwinkern ist jetzt «riskant», Männer klagen, «nichts mehr zu dürfen». Annäherndes Verhalten: unter Generalverdacht. Meine potenziellen zukünftigen Liebhaber: verunsichert, mutlos – und plötzlich ziemlich unsexy.

Herrscht tatsächlich Verwirrung um die Grenzen zwischen Flirt und Belästigung?

Warum nur kommen Menschen auf die Idee, wenn Sexismus, sexuelle Belästigung und Missbrauch irgendwann aus der Welt geschaffen sind, bleibe am Ende auch der Spass auf der Strecke? Will denn wirklich jemand einen Alltag ohne Lust? Ich jedenfalls bin für den Flirt. Ein nettes Schwätzchen im Ausgang, ein spendierter Drink, eine anzügliche Textnachricht. Ein Flirt macht dich schöner, liebes Leben. Wir müssen nur wissen, wann er angebracht ist – und wann nicht. Oder herrscht tatsächlich Verwirrung um die Grenzen zwischen Flirt und Belästigung?

«Ähm, danke. Aber nein», antwortete ich dem Mann an der Bar höflich, nahm meine Biere und lief davon. Ich brauchte jetzt Alkohol. «Was glaubt der eigentlich? Ein kleines Kompliment, und schon fühle ich mich belästigt?» Meine Freundinnen lachten. «Entspann dich», rieten sie mir. Schliesslich wisse heute niemand mehr so richtig, was er sagen dürfe und was nicht, «und darum sind Männer manchmal lieber etwas vorsichtiger.»

Eine Flasche Wein und zwei Gläser: geht doch

Gut eine Woche später, ich sitze im Zug. Der adrette Herr, mit dem ich das Abteil teile, bestellt eine Flasche Wein und zwei Gläser. Als sie kommen, schiebt er eines zu mir rüber. Wenn ich wolle, könne ich einen Schluck mittrinken, schliesslich sei Freitagabend. Wir trinken einen Schluck. Dreissig Minuten, eine halbe Flasche Wein und eine vergnügliche Begegnung später steige ich aus. Geht doch.