Niemand würde den Humbug zur Kenntnis nehmen, den der bis vor zwei Wochen bei uns weitgehend unbekannte deutsche Satiriker Jan Böhmermann zu nächtlicher Stunde im ZDF von sich gegeben hat. Und das wäre das Beste gewesen: Denn die «Satire», als welche Böhmermann seine Verse bezeichnet, sind weder lustig oder originell, noch regen sie zum Denken an oder bringen irgendeine Erkenntnis.

Jemanden ohne reelle Grundlagen zu beschuldigen, er schaue Kinderpornos, habe Sex mit Schafen, schlage Mädchen und sei schwul, ist schlicht und einfach primitiv – egal, um wen es sich handelt.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hätte Böhmermanns Schwachsinn also einfach ignorieren können. Doch er tat das Gegenteil, kündigte mit grossem Getöse rechtliche Schritte an und löste eine diplomatische Krise zwischen seinem Land und Deutschland aus. Es gibt zwei Möglichkeiten, warum er das getan hat.

Entweder ist Erdogan wirklich die beleidigte Leberwurst, die er mimt. Gerade Machtmenschen, denen alle ergeben sind und denen im Alltag nie widersprochen wird, neigen zu narzisstischen Störungen und Überempfindlichkeit. Sie tappen dann gern in die Falle, dass sie Nonsens nicht einfach Nonsens sein lassen, sondern dagegen vorgehen und dem Nonsens damit erst Gewicht verleihen.

Erdogan hat damit ein populistisches Zeichen gesetzt 

Oder aber, und das ist die plausiblere Variante, alle unterschätzen Erdogan. Er ist der viel gewieftere Politiker, als es auf den ersten Blick scheint. Vielleicht hat er kühl berechnet, welche Wirkung er erzeugen kann: Erstens spaltet er Deutschland in der Frage, wie nun mit Böhmermann zu verfahren sei – hat er bloss die Freiheit der Satire ausgenutzt oder aber einen Staatspräsidenten in seiner Ehre verletzt? Zweitens setzt er ein populistisches Zeichen gegen innen, indem er signalisiert: Wer den Präsidenten beleidigt, beleidigt alle Türken und bekommt die Härte des Gesetzes zu spüren; in der Türkei laufen derzeit rund 2000 Verfahren wegen Präsidentenbeleidigung.

Mit Sicherheit in eine Falle getappt ist Bundeskanzlerin Angela Merkel, und zwar in eine, in welche die meisten Politiker tappen: indem sie stets zu allem etwas sagen. Merkel hätte einfach verlauten lassen können: «In Deutschland herrscht Gewaltenteilung, also mische ich mich nicht ins Rechtssystem ein.» Sie aber bezeichnete den Vers als «bewusst verletzend». Damit half sie mit, den Zwist zwischen irgendeinem Satiriker und einem Ministerpräsidenten zur offiziellen Staatsaffäre emporzustilisieren.

Aus einer Kleinigkeit kann schnell eine Krise entstehen 

Merkel hätte von Anfang an das tun können, was sie gestern tat. Sie gab den deutschen Ermittlungsbehörden die Erlaubnis, ein Strafverfahren zu eröffnen, wie es der Paragraf 103 vorsieht – «Angriff gegen Organe und Vertreter ausländischer Staaten». Gleichzeitig gab sie bekannt, die Abschaffung dieser antiquierten Bestimmung aus dem Jahre 1871 anzustreben. So werden nun also die Gerichte entscheiden, und zwar unabhängig, so, wie das in Deutschland im Gegensatz zur Türkei üblich ist. Ein Verfahren ist noch kein Schuldspruch.

Was in der Affäre viel mehr zu denken geben sollte als das Schmähgedicht: wie abhängig Europa von Erdogan ist. Bei jedem anderen Präsidenten eines wenig bedeutenden Staates könnte man schulterzuckend zur Tagesordnung übergehen. Erdogan aber ist derzeit der Gatekeeper zu Europa. Er hat es in der Hand, wie viele Flüchtlinge kommen. Er kann die Schleusen öffnen oder schliessen. Das ist keine sympathische Vorstellung.

Der Zwischenfall zeigt aber auch, wie fragil das politische Gefüge in Europa geworden ist, wie schnell und unberechenbar eine Petitesse eine Krise auslösen kann. Vor nicht allzu langer Zeit galten die bankrotten Griechen als Bösewichte, dann Russland, Ungarn und jetzt die Türkei. Unser Kontinent hetzt von einer Krise zur nächsten. Das ist gefährlich. Europa hat zwar gröbere Probleme, als sich tagelang mit einem mittelmässig begabten Satiriker und dessen Ergüssen herumzuschlagen. Doch sollte man die Dynamik nicht unterschätzen, die plötzlich entstehen kann. Die Geschichte lehrt, dass eine zufällige Kombination kleiner Krisen ins Verderben führen kann.

christian.dorer@azmedien.ch