Wenn es mir früher im Deutschunterricht langweilig war, sammelte ich in einem kleinen Notizbüchlein die kurios-schönen Wörter aus der aktuellen Lektüre. Das Büchlein habe ich immer noch. Darin zu finden sind beispielsweise der Stülpstiefel, der Raritätenkasten und das Irrlichterflirren. Mittlerweile habe ich eine Liste mit Wörtern, die mir nicht gefallen. Der non-territoriale Arbeitsplatz ist da etwa zu finden oder die Proaktivität, und ganz klar zuoberst sind die Fake News angesiedelt.

Ich sage stets, diesen Begriff verabscheue ich, weil er ein Widerspruch in sich ist. Die Begriffe schliessen sich gegenseitig aus: Ein gefährliches Oxymoron. Wenn News fake sind, sind sie keine News. Falsche News sind Lügen und als solche muss man sie auch benennen. Weil der Begriff gängig ist in der Debatte rund um das Phänomen des Vertrauensverlustes in die etablierten Medien, verwende ich ihn hier – contre cœur – auch. Denn die Fake News treiben mich um. In jeder Publikumsführung werde ich gefragt: Was tut ihr Medienleute gegen Fake News?

Medien müssen mehr investieren, damit keine Fehler passieren

Das Thema ist abendfüllend. Ich picke zwei Ansätze heraus, neue Teamkraft und der Blick hinter die Kulissen: Wir Medienleute müssen noch mehr investieren, damit keine Fehler passieren, dass wir nicht auf falsche Bilder und Videos oder auf gezielte Desinformation hereinfallen. Dies in einer Zeit, wo das Newsgeschäft an Tempo und Dichte zulegt. Wir haben beispielsweise das Faktencheck-Team ausgeweitet. Das Netzwerk aus Redaktoren und Dokumentalisten kann in einer unsicheren und unübersichtlichen Nachrichtenlage schneller reagieren, etwa bei einem Terroranschlag, wo plötzlich eine Flut von Bildern kommt. Es gibt zudem einen Mailalarm, Listen mit Tools und Websites für Bildüberprüfungen, ein klarer Adressat für Anfragen zu Fake News.

 Ich sage nicht, dass diese Massnahmen etwas Heldenhaftes haben. Nein. Es muss in der heutigen Zeit selbstverständlich sein, dass die Glaubwürdigkeit mit allen Mitteln bewahrt wird. Ich sage auch nicht, es wird dank des Faktencheck-Netzwerks keine journalistischen Fehler mehr passieren, keine falschen Bilder und Informationen mehr kursieren. Nein. Aber das Bemühen ist entscheidend, und das sollte die Öffentlichkeit wissen. Zudem, dass ich in meiner Laufbahn niemanden getroffen habe, der vorsätzlich eine Lüge verbreitet oder willentlich einen Fehler machte, um Fake News zu generieren.

Medien gefielen sich in der Rolle, sich nicht erklären zu müssen

Das bringt mich zum zweiten Punkt, dem Blick hinter die Kulissen. Mehr Transparenz zu bieten ist ein Kulturwandel. Auch wenn die Arbeit auch früher professionell und gewissenhaft gemacht wurde, wir Medienschaffenden gefielen uns in der Rolle jener, die die Deutungshoheit innehatten und sich also nicht permanent erklären mussten. Die Erläuterung des journalistischen Handwerks gehörte nicht zum Standard. Ich finde, heute schon.

Zu oft liegt unser Blick nur auf dem journalistischen Produkt und nicht auf dessen Entstehung. Heisst, wir müssen noch mehr aufzeigen, wie wir Themen, Geschichten auswählen. Wir müssen aufzeigen, wie eine Recherche gemacht wird, wie Beiträge entstehen, nach welchen Kriterien Themen gewichtet werden. Ich mach mir keine Illusionen. In Zeiten gesellschaftlicher Gräben, einer fragmentierten Medienlandschaft mit zahlreichen neuen Meinungs-Marktplätzen im Internet, wird es uns nicht gelingen, alle zu überzeugen. Aber es gilt, grundsätzlich mehr zu tun, um etwas Entscheidendes zu bewahren: Menschen mit unterschiedlichsten politischen Ansichten am gleichen Ort zusammenbringen.

Die Wissenschaft nennt das Integrationsmedium. Wir können es einfacher sagen. Ein Newsangebot ist dann relevant, wenn es für alle ist und nicht nur für eine bestimmte Gruppe. Ein Land voller Infoblasen riskiert, an Stärke zu verlieren. Auch deshalb müssen wir gegen Fake News und Vertrauensverlust kämpfen.

 Glaubwürdigkeit ist nicht gegeben. Sie ist keine feste Grösse. Es gilt, die Glaubwürdigkeit stets von neuem zu verdienen. Denn das Phänomen und so auch den Begriff Fake News werden wir so schnell nicht mehr los. Vielleicht sollte ich gerade deshalb die Sammlung mit den schönen Wörtern zu einer Renaissance bringen. Der Zirkeltanz, die Schaumwirbelseiten, und das Abendgewühl als Ausgleich sozusagen. Kann ja nicht schaden.