Ihr Weg führte um die halbe Welt: Tausende von Adoptiveltern flogen in den 80er- und 90er-Jahren aus Europa nach Sri Lanka, um dort «ihr» Kind abzuholen. Nur: Welches Baby mit ihnen zurückkehrte, war oft willkürlich. Das zeigt die Geschichte eines Ehepaars, die es in der «Schweiz am Wochenende» erzählt hat. Sie reisten 1981 nach Sri Lanka. Im Gepäck: Je eine Bewilligung der Schweizer und sri-lankischen Behörden, die es ihnen erlaubten, ein Kind zu adoptieren. Eines, das weniger als drei Monate alt war. Im Kinderheim drückte ihnen die Vermittlerin ein etwa sechs Monate altes Kind in die Arme. Auf den Hinweis des Paares, dass sie mit diesem Baby nicht in die Schweiz einreisen dürften, reagierte sie schulterzuckend: Sie nahm ihnen das Kind aus den Armen und brachte ein jüngeres. Eine Szene, die zeigt: Adoptivkinder in Sri Lanka waren austauschbar, Babys wurden herumgeschoben wie Ware.

In den 80er-Jahren konnte ein Kind aus dem Ausland im Schnellverfahren adoptiert werden. In der Schweiz hingegen wurden Kinder nur noch selten zur Adoption freigegeben. Ein uneheliches Kind katapultierte die Mutter nicht mehr an den Rand der Gesellschaft. Und durch Aufklärung und Empfängnisverhütung nahmen die ungewollten Schwangerschaften sowieso ab. Da eine künstliche Befruchtung nicht Routine, sondern noch eine Sensation war, führte ein unerfüllter Kinderwunsch oft ins Ausland. Gleichzeitig herrschte eine humanitäre Überzeugung vor, mit einer Adoption «etwas Gutes zu tun». Von dieser Idee beflügelt, reisten Tausende von Adoptiveltern in Drittweltstaaten.

Dort richteten Babyhändler das Angebot nach der Nachfrage. Die Kinder waren eine Goldgrube. 1982 schrieb das Magazin «Spiegel» von einer «blühenden Multimillionen-Dollar-Exportindustrie». Das hat Folgen bis heute – wenn erwachsene Adoptierte ihre leiblichen Eltern nicht finden können. Sie stossen auf Widersprüche in ihren Dokumenten oder stellen vor Ort fest: Ihre angeblichen Namen, Geburtsdaten oder -orte stimmen nicht. Das Recht auf Herkunft bleibt ihnen verwehrt, ihre Wurzeln sind abgeschnitten. Sie müssen mit einer grausamen Ungewissheit leben: Hatte ihre leibliche Mutter sie zur Adoption freigegeben – oder wurden sie ihr entrissen und gerieten in die Fänge von Kinderhändlern?

Der Skandal dabei ist: Im Fall von Sri Lanka waren die Behörden gewarnt. Hier wie dort. Bereits 1981 gab der sri-lankische Sozialminister zu, er sei hilflos, den Kinderhandel in seinem Land zu unterbinden. Eine Aussage, die der Schweizer Botschafter nach Bern weiterleitete. Weshalb die Behörde nicht eingriff, ist unverständlich – und muss zwingend aufgearbeitet werden. Das schuldet die Schweiz sämtlichen Betroffenen: den Adoptierten, deren Herkunftssuche in einer Sackgasse endet; den leiblichen Eltern, die mit dem Verlust ihrer Kinder leben müssen; und den Adoptiveltern, die den Behörden vertraut hatten. Denn im Nachhinein stellt sich heraus: Der offizielle Weg über das sri-lankische Konsulat oder über eine von der Schweiz anerkannte Vermittlerin schützte nicht vor Babyhandel.

Gleichzeitig braucht es eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Auslandadoptionen. Es gilt, sich von einem westlichen Überlegenheitsgefühl loszusagen. Nämlich jenem, dass von den Adoptierten Dankbarkeit gefordert wird. Diese Haltung begegnet ihnen wiederholt. In aller Deutlichkeit kommt sie in einem anonymen Brief zum Ausdruck, den eine Betroffene nach einem Interview mit der «Schweiz am Wochenende» erhielt. Im Brief wird ihr mitgeteilt,
dass sie ohne Adoption wohl im Abfall «Plastikflaschen» sammeln würde – wenn sie denn «überhaupt noch am Leben (Tsunami)» wäre. Dankbarkeit sei zudem angezeigt, da ihre Adoptiveltern für «Erziehung und Ausbildung doch rund eine Million Franken» aufgewendet hätten.

Dabei wird völlig ausser Acht gelassen, dass Psychologen die frühe Trennung von den leiblichen Eltern als die tiefste Verletzung beschreiben, die einem Menschen zugefügt werden kann. Den Schmerz, von der eigenen Mutter weggegeben oder ihr gar entrissen worden zu sein, kann auch grösster Wohlstand nicht ungeschehen machen. Wenn sich Betroffene mit der Entwurzelung auseinandersetzen, brauchen sie deshalb den bedingungslosen Rückhalt ihres Umfelds. Suchen Adoptierte nach ihren Wurzeln, bedeutet es nicht, dass sie ihre Adoptiveltern infrage stellen. Im Gegenteil: Wer ein sicheres Zuhause hat, kann es wagen, sich auf die ungewisse Herkunftssuche einzulassen.

annika.bangerter@chmedia.ch