Frank A. Meyer vertrat die These, die Schweizer Politik habe ein intellektuelles Problem. Oder etwas einfacher gesagt – so habe ich wenigstens seine Aussage begriffen: Im gegenwärtigen Parlament fehlen nach Meyer die intelligenten Köpfe.

Ich gehe mit Frank A. Meyer einig: Es hat sich in unserem Land auf der politischen Ebene einiges ereignet, das sich so nicht hätte abspielen müssen. Meyer erwähnt insbesondere den seiner Ansicht nach verheerenden intellektuellen und kulturellen Niedergang des Freisinns, erwähnt indes lobend auch einige Freisinnige, die nicht in diese Reihe gehören, Leute, mit denen auch ich in der gleichen Fraktion tätig sein durfte und die ich heute noch hoch schätze.

Aus meiner Berner Zeit kenne ich Frank A. Meyer und schätze seine messerscharfen tiefgehenden Analysen. Seine Aussagen betreffen die freisinnige Partei direkt und müssen Anlass dazu sein für einige zusätzliche Überlegungen. In unseren politischen Anfängen wurde uns beigebracht, der Freisinn sei keine geschlossene und auf Mitgliedschaft beruhende Partei, sondern eine Bewegung. Offen für alle, die sich zu diesem Staat und seinen Institutionen bekennen.

Diese Vorstellung war insbesondere dem Solothurner Freisinn eigen, aber auch in anderen Kantonen – beispielsweise Luzern oder St. Gallen. Von der Westschweiz ganz zu schweigen, bei den dortigen, nicht zuletzt aus Gründen der Abgrenzung weiter rechts stehenden Liberalen. Leider hat der Grundsatz, eher Bewegung zu sein, mit dem Übergang zur Mitgliederpartei gelitten.

In diesen Tage traf ich einen alten Fraktionskollegen aus Basel. Er meinte, wir Freisinnigen hätten in den letzten Jahren wesentliche Probleme verschlafen oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Vermutlich hat er recht. Aber damit sind wir keineswegs allein. Auch die SP hat wesentliche Teile ihrer früheren Basis an die SVP verloren. Gleiches gilt für die CVP. Anders gesagt: Entweder wird die politische Mitte wieder mehrheitsfähig, oder wesentliche Probleme in unserem Land werden nicht gelöst oder erleiden mindestens einen zeitlichen Aufschub, den wir uns nicht leisten können.

Hier käme der freisinnigen Partei eine Schlüsselrolle zu. Ob sie diese Rolle wahrnehmen wird oder nicht, ist wieder eine andere Frage. Um entscheidend mitzubestimmen, muss die FDP wieder wachsen, Wähleranteile gewinnen, die besten Köpfe nach vorne stellen. Und sie muss vor allem darstellen, dass die Marktwirtschaft nur dann eine Chance hat, wenn sie auch eine bedeutende soziale Komponente enthält.

In unserer Gesellschaft ist die Wirtschaft eminent wichtig, keine Frage. Aber daneben gibt es auch Kleingewerbler, Arbeitnehmende, Bauern, sozial Schwächere. Alle Teile der Gesellschaft zu berücksichtigen, wird Geld kosten. Das Ziel kann nicht nur in Steuersenkungen bestehen. Man muss auch eine Antwort finden auf die Frage, wie dies zu finanzieren ist. Besonders bei den Bauern hat die FDP in den letzten Jahren viel Terrain verloren. Auch aus Gründen, für die sie nicht allein verantwortlich ist.

Man wird mir entgegenhalten, die Zeiten seien vorbei, als die FDP-Fraktion in Bern die meisten Bauern in ihren Reihen hatte, mehr als damals die SVP. Stimmt. Dennoch wäre es geschickt gewesen, hätte die neue FDP-Präsidentin, Petra Gössi, den gleichen Wunsch nicht nur an die CVP, sondern auch an die FDP adressiert, dass viele an die SVP verlorene Bauern zurückkehren sollten.

Glücklicherweise ist niemand im Besitze der abschliessenden Weisheit, der Kolumnist schon gar nicht. Allerdings – und damit komme ich zum Anfang zurück – muss sich die FDP überlegen, welchen Weg sie beschreiten will. Immerhin konnte ein weiterer Wählerverlust bei den letzten Wahlen verhindert werden. Das genügt aber nicht. Will die FDP nicht das Schicksal der deutschen Liberalen erleiden, muss sie wieder breit abgestützt werden. Eine Partei sein, bei der auch jene mitmachen können, denen das liberale Gedankengut – im Sinne des Solothurner Freisinns – nicht schon in die Wiege gelegt worden ist.

Das Ansinnen nach mehr Freisinn kann allerdings nicht losgelöst vom Inhalt und der politischen Ausrichtung betrachtet werden. Interessante Diskussionen sind unvermeidlich. Es wäre schade, sie jetzt nicht zu führen.