Es ist gut, dass sie fallen: die Belästiger und Grabscher. Und tragisch, wie es wächst: das Ausmass an Leid, das sie mit ihren Taten verursacht haben. Sexuelle Belästigung gibt es nicht erst, seit die Schauspielerin Alyssa Milano am 15. Oktober mit der #MeToo-Kampagne dazu aufgerufen hat, Taten ans Licht zu bringen. Doch dank #MeToo hat das Thema eine ganz andere Bedeutung erlangt.

Noch immer weht der #MeToo-Sturm ungebremst über die Männerwelt hinweg. Am Pranger stehen nicht nur Hollywood-Grössen wie Harvey Weinstein (den über 100 Frauen der sexuellen Belästigung beschuldigen) oder Kevin Spacey, sondern auch Schwergewichte aus dem vermeintlich seriösen Politikbetrieb: Der demokratische Senator Al Franken hat zugegeben, eine Frau begrabscht zu haben. Und der britische Verteidigungsminister Michael Fallon zog nach den gegen ihn erhobenen Vorwürfen den Hut. Nur Bill Clinton (gegen den neue Vergewaltigungsvorwürfe auftauchten) und Donald Trump (den 11 Frauen der sexuellen Belästigung beschuldigen) wollen sich bislang nicht zu den Anschuldigungen äussern. Sepp Blatter, der prominenteste Schweizer am #MeToo-Pranger (er soll 2013 die US-Fussballerin Hope Solo bedrängt haben), tat die Vorwürfe als «lächerlich» ab.

Sex als Form der Selbstbestätigung

Besorgniserregend ist der Fall des republikanischen Senatskandidaten Roy Moore aus Alabama. Moore stellte in Einkaufszentren Teenagerinnen nach und bedrängte eine 14-jährige Schülerin. Er weigert sich, das als sträfliches Fehlverhalten zu erkennen. Moores Freunde (unter ihnen Donald Trump) reden die Übergriffe des pädosexuellen Straftäters klein. In einem Fall verwies ein Kollege in einem absurden Vergleich darauf hin, dass auch Maria eine Teenagerin gewesen sei, als sie mit Jesus schwanger war.

Die zentrale Frage, die sich stellt, ist die: Was haben diese Männer gemeinsam? Die naheliegende Antwort: Sie sind berühmt, reich und mächtig. Daher das öffentliche Interesse, daher die mediale Aufregung. Daneben gibt es aber einen zweiten Charakterzug, der auf alle zuzutreffen scheint: Sie sind Narzissten, vom Erfolg verwöhnt und verblendet, mit von Jahren des gesellschaftlichen Aufstiegs genährtem, völlig überhöhtem Selbstbewusstsein. Die Therapeutin Christine Hammond sieht einen Zusammenhang zwischen Narzissten und sexuellem Missbrauch. Narzissten sähen Sex als Form der Selbstbestätigung. Es stehe für sie ausser Frage, dass sie von allen begehrt werden, weil sie sich selbst als ausserordentlich intelligent und attraktiv wahrnähmen. Zudem seien sie nicht in der Lage, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und daher ausserstande, eigene Grenzüberschreitungen als solche zu erkennen.

Die Täuschung funktioniert

Die Komikerin Carolin Kebekus äusserte in der «Zeit» einen ähnlichen Gedanken. In Anspielung auf den FDP-Politiker Rainer Brüderle, der eine Journalistin bedrängt haben soll, sagte Kebekus: «Ein gut gefüllter Ausschnitt ist eine Falle, die wir Frauen selbst aufstellen. Aber die Falle ist nicht für Sie, Herr Brüderle, sie ist für Brad Pitt.» Kebekus legt den Finger in die Wunde: Viele der Grabscher meinen, sie gehörten in die rare Sparte der Brad Pitts, die von der Frauenwelt begehrt würden. Die Brüderles und Weinsteins dieser Welt interpretieren beruflichen Erfolg als Freipass für sexuelle Avancen. Sie verwechseln Linkedin-Klicks mit Tinder-Likes.

Der Narzissmus, der an der Wurzel sexueller Auswüchse steht, wird genährt von sozialen Medien. Das bestätigte eine Studie der Universität Würzburg. Auf Facebook oder Instagram kann jeder selber entscheiden, wie er sich darstellen will – und tut das oft allzu unkritisch gegenüber den eigenen Mängeln. Das führt zu einer viel zu positiven Selbstwahrnehmung. Die Täuschung funktioniert nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber sich selbst. Hammond erinnert an einen eigentlich banalen Umstand: «Nur weil Narzissten ein überhöhtes Selbstbild haben, muss man ihnen das nicht abkaufen.» Im Gegenteil: Vielleicht hilft es, 2000 Jahre nach Ovids Tod an dessen mythische Figur «Narziss» – den Namensgeber aller Narzissten – zu erinnern. Verliebt in sein vom Wasser reflektiertes Bildnis, beugte er sich immer tiefer hinunter – und ertrank. Dieses Ertrinken, diesen Untergang, den kann man jetzt bei den Weinsteins unserer Zeit beobachten. Und vor dem sollte man die Narzissten der kommenden Ära rechtzeitig warnen.