Gastkommentar

Entwarnung

Eine Replik auf den Gastkommentar von Felix E. Müller: «Vor diesem Mann wird gewarnt».

Ich versichere Ihnen: Sie brauchen sich keine Sorgen um Ihr Portemonnaie zu machen. Das Staatsgeld für die «gierige» Landwirtschaft ist seit vielen Jahren stabil, während die Gesamtausgaben der öffentlichen Hand Jahr für Jahr steigen. Der Anteil für uns «Bauernsame» sinkt folglich.

Die Bauernfamilien erhalten keine Subventionen im klassischen Sinn, sondern eine Abgeltung für definierte Leistungen in Form von Direktzahlungen. Die Zahl Betriebe geht Jahr für Jahr zurück, die bewirtschaftete Fläche verändert sich aber nur wenig. Das bedeutet, dass die durchschnittliche Betriebsgrösse kontinuierlich steigt. Das müsste eigentlich eine frohe Botschaft für liberale Kreise sein, nicht?

Eine Anforderung an die Direktzahlungen ist, dass sie den Markt nicht verzerren. Entsprechend sind sie meist an die Fläche gebunden. Welche Leistungen wie hohe Direktzahlungen wert sind, darüber lässt sich vortrefflich streiten. Das tun wir seit 25 Jahren auch intensiv alle paar Jahre anlässlich der agrarpolitischen Reformen.

Das Ei des Kolumbus gibt es nicht, denn jedes System hat Schwächen. Aktuell fördern die Direktzahlungen die biologische oder andere besonders umwelt- oder tierfreundliche Produktionsarten, die Biodiversität, das Offenhalten der Flächen (speziell im Berggebiet), die Bewirtschaftung der Alpen oder die Landschaftsqualität. Gegen letzteres haben wir uns übrigens ohne Erfolg gewehrt.

Wenn wir über neue Beiträge wie eine Unterstützung für Ernteversicherungen sprechen, heisst das nicht, dass wir a priori neue Gelder beanspruchen. Vielmehr geht es um Vorschläge, wie wir das zur Verfügung stehende Geld noch besser einsetzen können. Dies auch im Hinblick auf kommende Herausforderungen, zu denen beispielsweise der Klimawandel gehört.

Wir «Bauernsame» wären übrigens allesamt froh, wenn wir weniger von Direktzahlungen abhängig wären und stattdessen vom Verkauf unserer Produkte leben könnten. Zum Mercosur-Abkommen hat sich der Bauernverband noch nicht positioniert. Wahr ist hingegen, dass ich dazu kritische Fragen habe. Bei der einheimischen Lebensmittelproduktion kann die Latte in Bezug auf Umwelt und Tierwohl nicht hoch genug sein.

Wenn es um Importe geht, spielen diese Werte offenbar keine Rolle. In Brasilien hat der neue Präsident Pflanzenschutzmittel wieder zugelassen, die in ganz Europa aufgrund ihrer Gefährlichkeit für die Umwelt verboten sind. Wie katastrophal sich die seit seinem Amtsbeginn in Brand gesetzten, riesigen Urwaldflächen auf die lokale Umwelt und indigenen Menschen sowie das weltweite Klima auswirken, lässt sich noch gar nicht abschätzen.

Der Anspruch nach möglichst billigen Lebensmitteln aus allen Teilen der Welt lässt sich nur schwer mit besonders hohen Forderungen an die eigene Landwirtschaft verbinden. Ausser man verschliesst die Augen vor den Umweltproblemen, die unser Konsum im Ausland verursacht. Wir Schweizer Bauern sind noch nicht am Ziel. Das wissen wir und daran arbeiten wir. Erfolge und Verbesserungen sind aber nicht so medienwirksam wie Unzulänglichkeiten.

Dank zahlreichen Labels hat die Bevölkerung die entscheidenden Hebel bereits in der Hand: Der Markt und die Nachfrage steuern das Angebot. Wenn alle Konsumentinnen und Konsumenten aus Sorge um Umwelt und Tierwohl nur noch Bio kaufen, dann produzieren wir diese Bioprodukte.

Jede und jeder kann heute schon tagtäglich mitbestimmen. Die Annahme von nicht marktkonformen Initiativen fördert hingegen – genau wie das Mercosur-Abkommen – den Import von Lebensmitteln und damit viel höhere Umweltbelastungen im Ausland.

Ja, mir liegen die Schweizer Landwirtschaft und die einheimische Lebensmittelproduktion am Herzen und ich setze mich wie ein Löwe (weder Fuchs, Wiesel noch Krähe) für sie ein. Mir liegt aber auch eine gesunde Umwelt am Herzen: Nehmen wir die Herausforderung gemeinsam an!

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