Welche Sprache spricht man am besten, wenn man auf eine Schweizer Vertretung im Ausland trifft? Beginnt man ein Gespräch mit einem «Bonjour» oder «Buongiorno», damit sich die Sprachminderheiten nicht völlig ignoriert fühlen? Oder wie wärs, wenn man gleich Englisch spricht, damit sich immerhin alle anpassen müssen?

Diese Fragen stellte ich mir, als ich zum ersten Mal auf das Büro der Schweizer Delegation im Olympischen Dorf in Rio zusteuerte. Das vermeintliche Dilemma löste sich dann aber gleich in Luft auf: Kaum betrat ich das Büro, kam instinktiv ein richtig bünzliges «Grüezi mitenand» aus mir heraus. Und damit fühlte sich dann tatsächlich jeder im Raum angesprochen. Bei den Athleten gebe es zwar schon ein paar Welschschweizer, liess ich mir sagen. Die Direktoren aber, die seien alle aus der Deutschschweiz.

Rätsel gelüftet also – auch wenn das Ergebnis nicht überrascht. Und apropos Rätsel: In den letzten Kolumnen erzählte ich vom Gerücht, bei den Schweizern gebe es rund um die Uhr Kägi Fret. So ist es: Des Schweizer bünzligstes «Schoggiguetzli» – und sogar Nespresso-Kapseln – fehlt bei den Schweizern im Olympischen Dorf nie. Heimat drückt sich in verschiedenen Dingen aus. Interessant, was für uns Heimat zu repräsentieren scheint.

Im Auftritt sind die Schweizer wie gewohnt bestens organisiert und gegen aussen eher diskret. Während andere Nationen im Olympischen Dorf überdimensionale Flaggen und Banner über ihre Balkonen aufgehängt haben, sind es bei den Schweizern lauter kleine Fähnchen. Und auch die Uniformen sind zwar stilvoll, aber eher zurückhaltend gestaltet. Erkannt im Dorf habe ich im Schweizer Dress als Erstes Fabian Cancellara, noch vor Beginn der Spiele. Berühmte Sportler wie er zeigten in der Regel keine Berührungsängste gegenüber Helfern oder anderen Arbeitern. Und zu sehen waren sie relativ oft: Novak Djokovic zum Beispiel spielte mal auf der kleinen Amateuranlage mitten im Dorf Tennis, einfach so zum Spass. Usain Bolt wurde hie und da gesichtet und stand locker und gut gelaunt für Selfies hin. Rafael Nadal aber tat einem an seinem ersten Tag im Dorf richtig leid, als er kaum zu Abend essen konnte, weil so viele andere Sportler in der Mensa ein Foto mit ihm schiessen wollten.

Auch ohne Berühmtheiten – die allermeisten Sportler kannte ich sowieso nicht – war das Leben im Dorf aber ein einziges Staunen. Rund um die Uhr waren diese absolut durchtrainierten Menschen in der grossen, schön gestalteten Anlage inmitten der Wohnhochhäuser am Joggen, Velofahren oder sonst unterwegs. Zu beobachten, wie diese schönen, riesigen, griechischen Götter an einem vorbeisausten, was jedes Mal ein Erlebnis. Einige waren gefühlt doppelt so gross wie ich; die Gymnastiker hingegen sehr klein, dafür aber mächtig muskulös. Bei so vielen perfekten Menschen ständig um einen herum freute man sich dann auch mal über Abwechslung: Eine unserer Leiterinnen brachte es mal auf den Punkt, als sie erzählte, wie sie neulich an einem freien Tag wieder normal ausserhalb des Olympischen Dorfes einen Bus bestieg – und sich dann so darüber freute, endlich wieder hässliche Menschen zu sehen. Richtig erholsam sei dies gewesen, meinte sie humorvoll.

Seit heute wird die vermeintliche Abwechslung aber wieder zur Norm. Da bereitet man jahrelang diese Olympischen Spiele vor und dann sind sie nach zwei Wöchelchen wieder vorbei. Meine Arbeit hier geht noch bis Mittwoch weiter. Waren meine Aufgaben zu Beginn aufstellen helfen, dann begleiten, Informationen über die verschiedenen Wettkämpfe zusammentragen und vor allem die vielen Transporte organisieren, heisst es seit gestern vor allem: abräumen, einpacken – und dabei einige Souvenirs einheimsen. Die meisten Sportler sind längst abgereist. Meine Delegation geht sich heute die Stadt anschauen und etwas einkaufen – die venezolanische Delegation will dabei zum Beispiel vor allem Haushaltartikel wie Shampoos oder Toilettenpapier mit nach Hause nehmen. In der dortigen Krise sind solche grundlegenden Dinge Mangelware geworden. Vielleicht desertiert an diesen Tagen ja auch der eine oder andere kubanische Athlet. . . Erfahren werden Sie es hier aber nicht mehr: Mit den Olympischen Spielen endet hier auch diese Kolumnen-Serie. Der Alltag mit den hässlichen Menschen beginnt wieder.