Eltern, die ihre Kinder zum Erfolg pushen, gibt es schon lange. Sei es in der Schauspiel- und Modelbranche oder im Sport. Neu sind jene Mütter und Väter, die ihre Sprösslinge zu Social-Media-Stars machen wollen und sie dafür im Internet hübsch präsentieren. Während es früher ein langer und steiniger Weg war, auf dem viel Schweiss und Tränen flossen (vor allem bei den Kindern), sind die Hürden heute viel niedriger. Es reicht eine Handykamera, meist braucht es nicht einmal einen Computer, um ein Kind zu vermarkten. Wenn dann noch ein berühmter Blogger mit Millionen von Anhängern den Beitrag likt, wird das Kind in Windeseile als neues Sternchen in den Instagram-Himmel katapultiert. Das zeigt das Instagram-Kind Alina aus Solothurn, das mit neun Jahren schon 9500 Anhänger hat (Schweiz am Wochenende, 5. August).

Klar, für die Eltern ist ein berühmtes Kind schmeichelhaft. Plötzlich strahlt der Sternenglanz auch auf sie ab. Plötzlich sind sie wer. Egal, was die anderen sagen. Die gleichen Eltern werden auch nicht müde zu betonen, dass ihr Mädchen Spass an der Arbeit hat. Oder dass es selbst bestimmt, was es macht und was nicht. Das kann sein. Welches Kind freut sich nicht über die Aufmerksamkeit. Besonders über jene der Eltern. Und genau das ist der Knackpunkt. Mutter und Vater sind es, denen das Kind wirklich gefallen will. Von denen es geliebt werden möchte. Deshalb wirft es sich gerne auch mal in Pose, wenn Mama «guck mal in die Kamera!» ruft. Für das «Gut gemacht, Schätzchen». Diese Liebe per Schnappschuss ist ungesund. Und gefährlich.

Fotos locken Pädophile an

Die Selbstbestimmtheit des Kindes ist eine Vermeintliche, damit reden sich die Eltern heraus. Klar ist: Eine Neunjährige weiss wenig über die Schattenseiten des Internets. Wenn nicht mal wir als Erwachsene immer nachverfolgen können, was mit unseren übers Netz vervielfältigten Bildern passiert. Viele von uns haben schon mal ein Foto gepostet und es dann bitter bereut. Kein Post ist sicher, kaum ein Bild verschwindet endgültig. Datenschutz ist nicht gleich Datenschutz. Schon gar nicht in den sozialen Medien, für welche die Bestimmungen ständig ändern.

Bei Kinderfotos ist noch mehr Vorsicht geboten. Rausgestreckter Po, lasziver Blick in den Spiegel, Bauchfrei-Top – am Ende landen solche Bilder auf dem Computer eines Pädophilen. Schon heute melden sich über Alinas Instagram-Profil Männer, die von ihren Füssen Fotos schiessen wollen. Das sollte ihren Eltern zu denken geben. Mehr noch: Spätestens hier sollten sie das Profil löschen.

Eltern sind in der Pflicht, nicht Kesb

Auch wegen der Folgen, die sich erst im Erwachsenenalter einstellen werden. Folgen, über die man nur mutmassen kann. Die Biografien von Kinderschauspielern wie den Olsen-Zwillingen oder Macaulay Culkin zeigen, dass die Fallhöhe vom Star zum gebrochenen Erwachsenen klein ist. Wenn sie älter werden, der Ruhm verblasst, weil der Jöh-Effekt nicht mehr zieht, fühlen sich solche Menschen wertlos. Culkin flüchtete sich in die Drogen, Mary-Kate Olsen kämpfte mit Magersucht. So kann es auch Alina ergehen. Auch ihr zeigen Eltern und Auftraggeber, dass sie als sich selbst, ohne Leistung im Rampenlicht, ohne ihr Zahnpastalächeln nicht viel wert ist. Vielleicht verkraftet sie den verblassten Ruhm aber auch wunderbar. Vielleicht wird sie als Zwanzigjährige sogar froh drum sein und den Eltern eher übel nehmen, dass sie sie in den Weiten des Internets zur Schau gestellt haben. Und sie nicht einmal vor den gierigen Augen von Pädophilen geschützt haben.

So jedenfalls sehen es einige unserer Leser. Der Artikel über die Insta-Kids hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Sie sehen die Kesb in der Verantwortung. Doch genau das ist der falsche Ansatz. Stimmen die Angaben der Eltern, ist Alina nicht in ihrer Entwicklung gefährdet. Sie ist ein gesundes Mädchen, das gut in der Schule ist und in der Freizeit gerne Fussball mit seinen Freunden spielt. Hier stellt sich vielmehr die Frage nach der Selbstverantwortung der Eltern. Sie wissen über die Gefahren des Internets Bescheid. Anstatt ihr Kind im Auftrag von Firmen in eindeutigen Posen abzulichten, sollten sie Nein sagen. Sie sollten aufhören, ihre Tochter zu pushen. Denn genau das tun sie. Wenn auch vielleicht unbewusst. Sie stehen in diesem Fall in der Pflicht, ihr Kind zu schützen. Nicht die Behörden.