Äsop hat eine schöne Fabel geschrieben: Ein Hirtenjunge rief immer wieder um Hilfe: «Der Wolf kommt!» – obwohl kein Wolf in der Nähe war. Als der Wolf tatsächlich kam und der Junge wieder um Hilfe rief, kümmerte sich niemand mehr um ihn. An diese Fabel erinnert man sich angesichts des Fehlbetrags in der Aargauer Staatsrechnung: Jahrelang hat die Regierung vor einem Riesendefizit gewarnt und nie kam es, im Gegenteil: Es kamen zehn Jahre Überschüsse. Und als sich das Loch dann wirklich ankündigte, glaubte es niemand mehr.

105 Millionen (ohne Nationalbank und Ausgleichsreserve wären es 220) – das ist happig. Einnahmenseitig fehlen nach Steuersenkungen und schlechtem Geschäftsgang grosser Unternehmen Dutzende Millionen. Und ausgabenseitig stiegen vor allem die Spitalkosten dramatisch. Gemäss der seit 2012 geltenden Spitalfinanzierung zahlen Kantone und Krankenkassen an jeden Spitalaufenthalt eine fallbezogene Pauschale. Betrug der Kantonsanteil 2012 noch 47%, waren es 2016 schon 53%; 2017 ist das Ende der Fahnenstange mit 55% erreicht. Es rinnt und plätschert unten hinaus und der Kanton hat kein Instrument, um das Loch zu stopfen. Was tun? Die Spitalfinanzierung ändern? Das kann man nur auf Bundesebene. Den Anteil der Versicherer erhöhen? Dann steigen die Prämien für uns alle noch steiler an. Die Tarife senken? Die Aargauer Spitäler sind heute schon unzufrieden damit. Unnötige Spitalaufenthalte vermeiden? Wie bitte macht man das? Mit dem Schliessen von Spitälern? Jedenfalls: Die neue Gesundheitsdirektorin Franziska Roth ist in eiskaltes Wasser geworfen worden.

Und sonst? Schnipseln (auf Blumensträusse oder Pilzkontrolle verzichten) bringt nichts mehr, es braucht tiefe Einschnitte. Wie ist das nun eigentlich mit dem Staatspersonal? Von rechts hören wir mantraartig, wir hätten einen «aufgeblähten Staatsapparat». Wer den Staatskalender von 2016 mit jenem von 1996 vergleicht, muss bestätigen: Es gibt viel mehr Stellen. Umgekehrt beteuert die Regierung: Die Lohnkosten sind gesunken, der Aargau hat eine superschlanke Verwaltung. Vielleicht ist halt einfach der Arbeitsaufwand parallel zum Bevölkerungswachstum gestiegen. Und sonst? Die Leistungen zugunsten der Bevölkerung abbauen? Das Dumme ist bloss: Sobald es ins dicke Geld geht, braucht das die Zustimmung ebendieser Bevölkerung (dasselbe gilt übrigens für Steuererhöhungen). Und die hat in letzter Zeit nicht eben begeistert auf Abbauversuche reagiert. Jedenfalls: Der neue Finanzdirektor Markus Dieth ist in eiskaltes Wasser geworfen worden.