«Zurück in die Zukunft». Der Film meiner Jugend. Marty McFly reist mithilfe des Erfinders Doc Brown und seinem Fluxkompensator der Zeitmaschine in frühere Jahre. In diesem Film schien alles möglich. Science Fiction verschmolz mit der Realität. «Zurück in die Zukunft» ist Vergangenheit. Heute ist die Zukunft bereits hier. Auch wenn Zeitreisen noch nicht möglich sind: Überall auf der Welt tüfteln Doc Browns digitale Brüder und Schwestern an bahnbrechenden Technologien, die unser Leben verändern. Manche Entwicklungen sind plötzlich da im Alltag. Wir brauchen sie, ohne dass wir uns vor Augen führen, wie sich ein neues Gadget auf unsere Gesellschaft auswirkt. In vielleicht so behutsam kleinen Schritten, dass wir die Umwälzungen gar nicht bemerken.

Ist das Vertrauen angebracht?

So staune ich aktuell über eine gegensätzliche Entwicklung in unserer Gesellschaft. Als Journalistin ist Transparenz das Gebot der Stunde. In Zeiten von Fake News und Manipulationen ist es entscheidender denn je, Informationen zu hinterfragen. Wir suchen die Quelle eines Videos, verifizieren eine Nachricht. Wir überlegen, wer welche Interessen bei der Verbreitung einer Meldung verfolgt. Während hier also Informationen kritisch hinterfragt werden, vertrauen wir im Alltag etwa bei digitalen Assistenzen vermehrt auf Informationen, ohne deren Quellen genau zu kennen. Wir befragen Siri, Alexa, Cortana und Google Home über Gott und die Welt und akzeptieren deren Antworten. Schon klar, dass sich das nicht 1:1 vergleichen lässt. Schon klar, dass es noch viele Wohnzimmer ohne sprechende Maschinen gibt. Schon klar, dass die Antworten der intelligenten Lautsprecher noch nicht immer klug sind oder eine Wetterprognose weniger heikel ist als politische Inhalte. Aber: Es geht mir um den Trend und ums Prinzip.

Digitale Assistenten werden immer cleverer. Nicht umsonst nennt man das Rennen um die Vorherrschaft bei der künstlichen Intelligenz das «space race» des 21. Jahrhunderts. So wie sich früher die Supermächte in der Raumfahrt konkurrierten, stehen sie heute bei der KI-Forschung im Wettbewerb. Heisst, wir müssen davon ausgehen, dass sich KI schnell weiterentwickelt und noch tiefer in unseren Alltag eindringt. Also wird uns auch das Thema der digitalen Assistenten weiter beschäftigen. Stellvertretend für andere Phänomene. Und darum gilt es, zu beobachten, wie wir sie nutzen.

Aufgefallen sind mir in diesem Zusammenhang Aussagen von Beat Schwendimann. Er befasst sich für den Verband Schweizer Lehrer mit der Rolle von Technologien als Lernwerkzeuge. Er bestätigt, dass der Umgang mit digitalen Assistenzen auch unseren Umgang mit Information verändert. Wir erhalten scheinbar präzise, kurze Antworten auf unsere Fragen, ohne zu wissen, woher diese genau kommen. Wir akzeptieren die Blackbox und überlegen selten, woher das Datenfutter kommt. Schwendimann verweist auf Studien in Grossbritannien, wo bereits fast die Hälfte der 9- bis 16-Jährigen Hausaufgaben mit Siri und Co. machen. Digitale Assistenten werden quasi als Familienmitglieder angeschaut, Technik wird vermenschlicht. Man vertraut ihr.

Wir sollten auf Transparenz pochen

Jetzt kann man sagen, auch nicht jede Enzyklopädie machte früher Quellen vorbildlich publik. Wer aber den Brockhaus hervorkramte, erkannte wenigstens, dass Informationsbeschaffung einen gewissen Aufwand bedeutet oder wichtiger: dass neben dem Brockhaus noch andere Nachschlagewerke standen, dass es vielleicht noch andere Ansätze gibt. Was ich damit sagen will: Den Anspruch, den die Gesellschaft an journalistische Produkte zu Recht erhebt, müssten wir grundsätzlich erheben. Wir sollten verstärkt auf mehr Transparenz pochen, oder – wenn diese nicht gegeben ist – uns dessen bewusst sein, um dies zumindest der heranwachsenden Generation zu erklären. Wir sollten mehr über Algorithmen in der schönen neuen Welt reden, die im Hintergrund agieren, ohne dass wir wissen, welche Intention hinter der Daten-Verarbeitung steckt.

Ich verteufle nicht, was da kommt. Erfinder Doc Brown sagt in «Zurück in die Zukunft»: «Dort, wo Du hinfährst, hat es keine Strassen!» Eine solche Warnung gebe ich nicht ab. Im Gegenteil. Ich schaue gespannt auf das, was kommt. Aber: Je mächtiger künstliche Intelligenz wird, desto mehr braucht es menschliche Intelligenz, um zu fragen, was macht das Ganze mit uns? Je klüger die Maschinen werden, desto mehr müssen wir unseren Kopf brauchen, um zu entscheiden, was wir eigentlich wollen. Einverstanden, Siri?