Ein Jahr lang haben die Reformierten zurückgeschaut, zu jenen fernen Ereignissen vor 500 Jahren. Die Katholiken haben brav mitgezogen. Man war ganz nett zueinander. Nur ja der anderen Konfession nicht zu nahe treten. Stets den ökumenischen Frieden wahren. Feiern eben. Das ist am ungefährlichsten. Nichts ist passiert. Alles beim Alten.

Reformierte bleiben reformiert, Katholiken katholisch. Jetzt können die Schlafwagen der Kirchen getrost den nächsten 500 Jahren entgegenrollen? Daran wird auch der heutige Reformationssonntag nichts ändern. Ist das wirklich im Sinne des Juden Jesus, auf den sich beide Konfessionen berufen?

Luther nahm einst Hammer und Nagel zur Hand und schlug mit seinen 95 Thesen eine neue Zeit an. Rom geriet in Aufruhr. Zu Recht. Der Wittenberger Mönch zerschlugfundamentale Grundsätze der katholischen Kirche. Jerusalem statt Rom, Jesus statt Papst Leo X., hiess die Devise Luthers. Die Reformatoren haben die Welt verändert. Nicht so die Feierlichkeiten des Jahres 2017. Ohne Konsequenzen verlaufen sie im Sand. Ein Hammerschlag wie vor 500 Jahren ist dringend nötig. Was soll passieren?

Es braucht weder einen neuen Luther noch einen neuen Zwingli. Einer der schwerwiegenden Gründe für den gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Kirchen ist die Trennung in betreuende Kleriker und betreute Laien. Die zweite Reformation kommt von unten. Sie geht von der Basis aus. Das Ende der abgehobenen Klasse der Kleriker, die alles dominieren, ist gekommen. Jetzt schlägt die Stunde all jener Menschen, denen Jesus von Nazareth wichtig ist. Dabei werden die Frauen die treibende Kraft sein, haben sie doch jahrhundertelang schweigen müssen.

Die traditionellen Kirchen werden weiter bestehen. Sie werden sich auch weiterhin nur um sich selbst kümmern. Noch haben sie das Geld dazu. Doch an ihren Rändern oder ausserhalb ihrer Strukturen finden sich Menschen zusammen, die sich an Jesus orientieren. Sie erinnern sich an die Bewegung, die er einst ausgelöst hat. Ein Minimum an Strukturen, einzig besorgt um das Wohl der Menschen.

Als markante Alternative zu jüdischen Gruppen und in pointierter Abgrenzung zu den römischen Imperialisten wirkte die Jesusbewegung einladend für alle. Da war nicht der leiseste Anflug einer Sekte auszumachen. Das muss auch der Massstab sein für die neu entstehenden christlichen Gemeinschaften unserer Tage.

Ich verstehe mich nach wie vor als katholischer Priester und zugleich auch als reformierter Pfarrer. Meine Tätigkeiten führen mich oft vor allem bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen mit Menschen zusammen, die das Jahr über kaum mehr eine Kirche betreten, am Rand der kirchlichen Institutionen leben oder ausgetreten sind. Meine Erfahrung zeigt mir, viele dieser Leute sind höchst interessiert an Religion, auch an einem offenen Christentum.

Bei ihnen sehe ich ein immenses Potenzial für eine neue Jesusbewegung in unserer Zeit. Der renommierte Jesuitenpater Karl Rahner nannte diese kirchenfernen Christen «Neuheiden» und plädierte schon vor 45 Jahren dafür, sich um sie zu kümmern.

Eine zweite Reformation muss von unten kommen, von der Basis aus

Was war das Geheimnis für den Erfolg der Bewegung um Jesus? Es haben sich Menschen begeistern lassen, gemeinsam nach Lösungen für die Probleme zu suchen, die das Leben ihnen stellte. Zu Zeiten Jesu gab es viele Arme, das traurige Produkt einer neoliberalen Wirtschaftsordnung der Römer. Den Benachteiligten unter die Arme zu greifen, darin sahen die Leute um Jesus ihre vordringliche Aufgabe. Statt den Menschen Ideen aufzudrängen und sie von oben herab zu belehren, hörten sie zu, was die Leute beschäftigt, und packten dort zu.

Die Jesusbewegung unserer Tage, die zweite Reformation, könnte hier ansetzen, genau hinschauen also, wo Menschen Hilfe brauchen. Der Probleme sind genug: Einsamkeit, der Umgang mit Fremden, Existenzängste, Orientierungslosigkeit. Ein konkretes Beispiel. Es kommen immer wieder junge Eltern zu mir, die ihre Kinder taufen möchten. Sie wollen ihren Kindern eine geistige Grundlage vermitteln.

An die Mitwirkung in einer Kirchgemeinde denken sie nicht, umso mehr aber an eine Orientierung an Jesus aus Nazareth. Allein, sie wissen nicht, wie sie eine christliche Erziehung anpacken sollen. An dieser Stelle eröffnet sich die Möglichkeit, sich mit anderen Elternpaaren, Patinnen und Paten zu einer «Interessengemeinschaft christliche Kindererziehung» zusammenzufinden.

Die Legitimation, eine vollständige, christliche Gemeinschaft zu sein, gibt ihnen ein Wort, das Jesus selbst gesagt haben soll: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen». Wachsen diese Menschen zu einer lebendigen Gemeinschaft heran, werden sie auch ohne weiteres das eucharistische Abendmahl miteinander teilen, Weihnachten und Ostern feiern, immer bereit, den Kreis für Neue offen zu halten.

Kein Zweifel, eine solche Jesusbewegung braucht auch eine theologisch versierte Begleitung. Diese bleibt allerdings nur eine unter mehreren Talentträgern, welche die Gemeinschaft lebendig erhalten. Denkbar ist auch, diese wieder aufzulösen, sollte das existenzielle Thema – hier die christliche Erziehung – sich aufgelöst haben. Dann wäre die ehemalige Bewegung eine «Kirche im Vorübergehen» gewesen.

Ihre Mitglieder könnten sich in neuen Fragestellungen engagieren. Die Idee einer zweiten Reformation ist kein Hirngespinst. Dass grundlegende Veränderungen möglich sind, zeigen jüngst zwei politische Bewegungen mit bemerkenswertem Erfolg: die Aktion «Libero» und «La République en marche». Kurzerhand versuchen sie, an den etablierten Parteien vorbei ihre gesellschaftlichen Visionen in die Tat umzusetzen.

Genauso vorzugehen, hat auch Jesus aus Nazareth beflügelt. Die Herrschenden seiner Zeit und deren verkrustete Parteien interessierten ihn nicht. Also muss es doch ein paar Christinnen und Christen geben, die es ihm mutig und lustvoll gleichtun, wenn sie sich schon auf ihn berufen. Auf den Segen der Kirche müssen sie bei ihrem Aufbruch gewiss nicht warten.