Totgesagte Branche

Eine Liebeserklärung an die Zeitung

"Die Zeitungen, die ich lese, waren noch nie so gut wie heute", schreibt Peter Rothenbühler.

"Die Zeitungen, die ich lese, waren noch nie so gut wie heute", schreibt Peter Rothenbühler.

Alle machen sich Sorgen um die SRG. Und was sehen sie in Gefahr ? Die Informationen. Ok, das Radio ist ein Informationsmedium. Aber Fernsehen wird immer in erster Linie Unterhaltung, Sport, Formel 1, Musik, People sein. Wer der SRF die Unterhaltung wegnimmt, bringt sie um. Ob mit oder ohne Billag. Ich mache mir viel mehr Sorgen um das Medium, das mir wirklich echte Informationen vermittelt, mit Hintergrundwissen, Analyse, editiert und redigiert von Journalisten, die das Handwerk noch verstehen.

Ja, ich oute mich hier als Zeitungsleser. Der noch an das glaubt, was die Verleger mittlerweile als «gedruckte Version» betiteln. Die Branche verdient zwar mit den gedruckten Zeitungen immer noch mehr als mit Online-Journalismus, wird aber nicht müde, uns eine Zukunft ohne gedruckte Zeitung anzukündigen. Mir ist keine andere Branche bekannt, die so depressiv über ihr wichtigstes Produkt redet. Stellen Sie sich mal vor, Volkswagen würde jede Werbung für den Golf einstellen, die Produktion drosseln und überall ankündigen, dass es sowieso bald nur noch elektrische selbstfahrende Autos geben würde. Die Folge wäre, dass niemand mehr einen Golf kauft.

Eine gute Zeitung ist jedem Internet-Auftritt weit überlegen

Die Zeitungshäuser dürfen meinetwegen so lange über ihre digitale Zukunft schwafeln, wie sie wollen, sie sollten dabei einfach nicht vergessen, dass es am Ende vielleicht eine massive Auferstehung der gedruckten Medien geben wird. Weil Leser und Anzeigenkunden endlich merken, dass eine gut gestaltete Zeitung jedem Internet-Auftritt weit überlegen ist, wie das gedruckte Buch viel besser lesbar ist als das E-Buch. Weil die gedruckten Medien Informationen bieten, die das Internet nicht liefern kann: sogenannte Metainformationen. Ich weiss sofort, was wichtig ist, was ich wo finden werde. Umblättern und vor allem zurückblättern geht viel schneller. Ich weiss immer, wo ich bin und vor allem, bei wem ich bin.

Eine gute Zeitung ist eine Marke mit einer grossen Glaubwürdigkeit, die Vertrauen schafft. Warum muss ich das hier alles aufschreiben? Weil ich mir manchmal blöd vorkomme, wenn ich am Kiosk für 24 Franken Zeitungen und Zeitschriften kaufe und die Verkäuferin oder der Verkäufer sagt, «Wow, da haben Sie aber genug zu lesen» oder «Schön, wenn man als Pensionierter Zeit hat, gell ?». Zu den zwei andern Rentnern, die mich unendlich lange warten liessen, bis sie endlich ihre Auswahl von Lotterielosen getroffen und bezahlt haben, 60 Franken, 70 Franken (!), zu ihnen sagt sie nichts. Mit Lösli verdient heute jeder Kiosk mehr als mit Zeitungen. Eigentlich ganz gut für uns Zeitungsleser, die auch ins Museum, ins Konzert und ins Theater gehen, die vom Lotteriegeld mitfinanziert werden. Absurd, aber so ist es: Die Armen finanzieren mit ihren Lösli die Vergnügungen der Begüterten.

Die Zeitungen waren noch nie so gut wie heute

Was ich eigentlich sagen wollte: Alle reden vom Tod der Zeitungen, aber eigentlich waren die Zeitungen, die ich lese, noch nie so gut wie heute. Ich kann hier auch gleich ein paar Empfehlungen abgeben: Am besten schneidet bei mir (ausser der AZ, versteht sich) die «Neue Zürcher Zeitung» ab, wohl zurzeit die beste Zeitung Europas, jeden Tag ein Genuss, und immer wieder überraschend. Dann gestehe ich, dass mir die Blätter Spass machen, die dauernd geprügelt werden, weil sie zu wenig links sind und ein böser Mäzen dahintersteckt. «Basler Zeitung» und «Die Weltwoche» beschäftigen originelle, begabte, fleissige Köpfe, die Chefredaktoren sind starke Persönlichkeiten mit einem grossen Schulsack und profilierten Meinungen.

Muss man denn immer sagen, man sei nicht mit allem einverstanden, bevor man anerkennt, dass sie unverzichtbare Beiträge zur öffentlichen Debatte leisten? In Frankreich macht mir täglich «Le Figaro» Freude, auch «Le Monde» und «Libération» und «Echo» sind eine hervorragende Lektüre. Und «Le Canard Enchaîné» deckt fast wöchentlich Skandale auf und erfreut sich bester Gesundheit. In Deutschland habe ich den «Spiegel» wiederentdeckt, allerdings ist er etwas dünn geworden, aber immer wieder gut für eine riesige Story. Man könnte auch viel sagen über die exzellente Qualität der grossen italienischen Tageszeitungen (die schönsten mit den längsten Politkommentaren!), über die englischen. Und erst die «New York Times»! Noch nie war eine totgesagte Branche so lebendig, glaube ich feststellen zu können. Verleger, seid stolz auf eure Zeitungen, zeigt es, sagt es.

Der Autor, Journalist und Editorial Designer war Chefredaktor von «SonntagsBlick», «Schweizer Illustrierte» und «Le Matin». Er lebt in Lausanne und Paris.

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