Seit Jahren bin ich fast ständig auf Facebook und Twitter. Sie sind Werkzeug in meinem Beruf und Unterhaltung privat. Lange habe ich bei der Auswahl der «Freunde» und «Follower» stets auf eine gewisse Breite der Weltanschauungen und Interessen geachtet. Schliesslich wollte ich wissen, was andere Menschen, seien es Politiker, Journalisten oder «einfache Bürger», denken. Zudem versuchte ich so, dem vermaledeiten Algorithmus ein Schnippchen zu schlagen, der mir nur das vorsetzt, was mich angeblich interessiert, und mich so von vielen Inhalten ausschliesst. Dem eigenen Seelenheil ist diese Art der Mülltrennung allerdings durchaus förderlich.

Denn gerade nach schrecklichen Ereignissen wie in Berlin und mit Abstrichen auch in Zürich explodiert die Timeline sonst förmlich von erschütternden Posts. Diese lassen sich in zwei Kategorien einteilen: widerwärtig, primitiv, brutal die einen, intellektuell kaschiert zwar, aber klar ressentimentsbeladen und rassistisch die andern. Facebook & Co werden immer mehr zu einem Ventil der Wutbürgerinnen und Wutbürger. Okkupiert und angeheizt durch politische Extremisten, Verschwörungstheoretiker und verantwortungslose Populisten, entwickeln sich die sozialen Medien zu einer einzigen Blase voller Hass und Gewalt.

Dabei war das mal anders gedacht. Das Internet als Wissensvermittler, als virtueller Treffpunkt von Menschen, die sich nicht kennen, aber verstehen wollen. Wäre ich nicht Journalist, ich würde mich aus den sozialen Medien verabschieden. Die nackten Nachrichten sind schon traurig genug.

david.sieber@bzbasel.ch