Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt: Rasche Stimmungswechsel sind eine Spezialität der deutschen Sozialdemokraten. Auch kann sich keine andere Partei so gründlich selbst zerfleischen, um kurz danach in kollektive Begeisterung auszubrechen und sich an sich selbst zu berauschen. Das bestätigte sich diese Woche einmal mehr. Eben noch starrte die SPD-Bundestagsfraktion ängstlich und verzagt auf die Bundestagswahl vom September, war dann kurzzeitig konsterniert – und nur 24 Stunden später völlig euphorisiert und im Wahlkampfmodus. Der Grund für diese Hochstimmung heisst Martin Schulz.

Der 61-Jährige vermittelt der SPD Zuversicht. Er ist ihr neuer Hoffnungsträger, der Angela Merkel aus dem Kanzleramt vertreiben soll. Der jüngste «Deutschlandtrend» der ARD stützt diesen Optimismus: Je 41 Prozent der Befragen würden sich für Schulz beziehungsweise Merkel entscheiden, wenn der Kanzler direkt gewählt würde (was nicht der Fall ist). Auch bei den Kriterien Sympathie, Kompetenz und Glaubwürdigkeit kann der SPD-Kandidat der CDU-Kanzlerin durchaus das Wasser reichen. Gewiss: Umfragen sind kein zuverlässiges Barometer für Wählerentscheidungen mehr. Dennoch steht fest, dass die SPD mit Schulz die besseren Aussichten auf ein passables Wahlergebnis hat als mit Sigmar Gabriel.

Schulz ist für die SPD der ideale Kanzlerkandidat

Schulz hat vieles, was Gabriel nicht hat: Er ist zuverlässiger, konstanter und damit glaubwürdiger als der sprunghafte Gabriel. Er wirkt frischer, unverbrauchter – ein neues Gesicht, ein neuer Politikstil mit einer neuen Sicht und neuen Ideen. Schulz kommt von aussen, war nicht Teil der Grossen Koalition und kann folglich nicht für die Regierungspolitik der SPD verantwortlich gemacht werden. Er muss somit keine Rücksicht nehmen und kann CDU und CSU im Wahlkampf direkt angreifen. Das alles macht Schulz zum idealen Kanzlerkandidaten der SPD. Aber auch zu einem würdigen Herausforderer von Angela Merkel, der mit der Kanzlerin auf Augenhöhe agieren kann. Als ehemaliger Präsident des EU-Parlaments kennt er Merkel gut, weiss, wie sie tickt und taktiert. Zugleich hat er grosse aussenpolitische Erfahrung, was angesichts der weltpolitischen Lage mehr als nur wünschenswert ist.

Viele dieser Pluspunkte von Martin Schulz könnten sich für ihn jedoch auch als Nachteile entpuppen. Als Kanzlerkandidat ist Schulz ab sofort kein Europa-Politiker mehr, sondern ein nationaler Politiker. Er mag – als langjähriges Präsidiumsmitglied der SPD – zwar über die grossen Linien der deutschen Innenpolitik Bescheid wissen. Dennoch fehlt ihm die Erfahrung. Kennt er sich zum Beispiel in Detailfragen aus, wenn es um Steuern, Rente und Altersarmut geht? Zudem: Das politische Berlin ist im Vergleich zum auf Ausgleich und Konsens bedachten Brüssel ein Haifisch-Teich. Schulz wird folglich mit schärferen Waffen kämpfen müssen. Dass er das kann, hat er im EU-Parlament freilich mehrmals bewiesen.

Am ehesten kommt eine Neuauflage der Grossen Koalition infrage

Schulz ist für Merkel und die Union zweifellos der unbequemere Gegner. Fürchten müssen sie sich vor ihm trotzdem nicht. Denn die SPD hat schlicht keine realistische Machtperspektive. Mit einem Wähleranteil, der um die 20 Prozent schwankt, wird man nicht Kanzler. Denkbar wäre zwar eine Koalition aus SPD, Linken und Grünen. Dieses rot-rot-grüne Schreckgespenst wird denn auch vor allem von der CSU immer wieder an die Wand gemalt. Angesichts der proeuropäischen und russlandkritischen Haltung von Schulz ist diese Option aber eher unwahrscheinlich.

Am ehesten kommt wohl eine Neuauflage der Grossen Koalition aus CDU/CSU und SPD infrage. Für viele in der SPD ist das eine Horrorvorstellung. Der pragmatische Schulz wird diese Möglichkeit nicht ausschliessen. Damit zufrieden geben darf er sich jedoch nicht. Er muss verhindern, dass die SPD – immerhin nach wie vor die zweitstärkste Partei Deutschlands – zwischen der Union und der rechtspopulistischen AfD aufgerieben wird und in der kompletten Bedeutungslosigkeit verschwindet. Gelingt ihm das nicht, wird die Stimmung in seiner Partei ganz schnell wieder von himmelhoch jauchzend in zu Tode betrübt kippen. Doch warum sollte man einem Martin Schulz nicht zutrauen, was vor einem Jahr niemand einem Donald Trump zugetraut hatte?