Das Timing ist schlecht gewählt. Weissbücher werden meist dann publiziert – und erzielen dann auch den grössten Widerhall –, wenn ein Land politisch und/oder wirtschaftlich vor dem Abgrund steht. Doch der Schweiz im Jahr 2018 geht es ausgesprochen gut: Das Wirtschaftswachstum fällt so hoch aus wie schon lange nicht mehr.

Der Franken ist zum Euro schwächer geworden und beflügelt die Exporte und den Tourismus. Die Arbeitslosigkeit ist rückläufig, genauso wie die Migration. Es ist kein Thema erkennbar, um politische Schlachten zu schlagen. Die Schweiz kann sich derzeit über einen tiefen gesunden Schlaf freuen.

Vor 23 Jahren war die Ausgangslage eine andere, als die Schrift «Mut zum Aufbruch» veröffentlicht wurde. Nach dem EWR-Nein erlebte die Schweiz eine lange Phase hartnäckiger Wachstumsschwäche. Umliegende EU-Länder prosperierten, während die Schweiz in einer Sinnkrise steckte.

Das «Weissbuch» stiess Mitte der 90er-Jahre auf fruchtbaren Boden und löste eine ungewöhnlich scharfe emotionale Debatte aus. In dem 80 Seiten dünnen Bändchen forderten Wirtschaftsführer wie der damalige ABB-Co-Präsident David De Pury, Alex Krauer (Ciba Geigy), Helmut Maucher (Nestlé), Joseph Ackermann (SKA) oder Robert Studer (SBG) radikale Veränderungen für die Schweiz. Die direkte Demokratie war in ihren Augen nicht mehr zeitgemäss, sie sollte den Anforderungen globalisierter Grosskonzerne angepasst werden.

Das «Weissbuch Schweiz» von Avenir Suisse ist mit 222 Seiten zwar einiges dicker, doch eine Emotionalität wie damals wird es nicht wecken. Dafür fehlt dem Buch der inhaltliche Sprengstoff. Es sind auch keine klaren Handlungsanweisungen zu finden, wohin die Schweiz sich in den nächsten Jahren entwickeln soll.

Umstürzlerisches Gedankengut wie vor 23 Jahren sucht man vergebens. Brav werden sechs Zukunftsszenarien ausgerollt, wie sich die Schweiz bis 2030 entwickeln könnte. Avenir-Suisse-Chef Peter Grünenfelder spricht von möglichen «Zukünften».

Das Spektrum reicht vom «selbstbestimmten Rückzug» (Totalabschottung) bis zur «europäischen Normalität» (EU-Beitritt und Euro-Einführung). Die Autoren der wirtschaftsliberalen Denkfabrik werten die einzelnen Szenarien in Bezug auf das zu erwartende BIP-Pro-Kopf-Wachstum, Beschäftigung, Zuwanderung, Verteilung, Steuerquote und Kaufkraft im Ausland.

Wenig überraschend schneidet das Szenario «selbstbestimmter Rückzug» am schlechtesten ab. Es beschreibt eine Schweiz des Alleingangs, die Bilateralen würden gekündigt werden, Drittstaatenbeziehungen würden auf Basis von Freihandelsverträgen eingegangen.

Es gäbe eine «starke Betonung der formellen Souveränität» und der nationalen Eigenständigkeit, schreiben die Autoren. Es wird zwar keine Partei genannt, aber es braucht nicht viel Fantasie, um zwischen den Zeilen herauszulesen, dass die Avenir-Suisse-Autoren vor allem an die Politik gewisser Exponenten der SVP gedacht haben.

Das andere Extremszenario nennen die Autoren «europäische Normalität». Das würde heissen, dass die Schweiz EU-Mitglied, den Euro einführen und eine Zollunion anstreben würde. Gemäss den Autoren wäre die Schweiz dann gesellschaftspolitisch «tendenziell progressiver» und würde «ihren Souveränitätsbegriff im Sinne der Mitbestimmung auf supranationaler Ebene» definieren.

Ein EU-Beitritt hätte eine «punktuelle Deregulierung» zur Folge, mit Abschaffung der Staatsgarantie für Kantonalbanken, einem Verbot von Beihilfen, Einführung der EU-Agrarpolitik und einer Strommarktliberalisierung.

Interessant ist: In der ökonomischen Abwägung wäre eine EU-Mitgliedschaft besser für die Schweiz als die Abschottung im Szenario «selbstbestimmter Rückzug». Neben anderen Modellen wie «globale Oase» (entspricht der Idee eines Alpen-Monacos, die einst Konrad Hummler aufbrachte), dem «skandinavischen Weg», dem «Club Schweiz» (eine abgeschwächte Form des «Rückzugs»), scheint den Autoren das Szenario «tragfähige Partnerschaft» das beste zu sein.

Es beinhaltet eine «Dynamisierung» des bilateralen Wegs, verspricht neue Marktzugänge für den Finanzplatz und die Stromwirtschaft, bedeutet aber auch Abstriche bei der «formellen Souveränität». Avenir-Suisse-Chef Peter Grünenfelder gab gestern vor den Medien zu, dass dieses Szenario aus Prosperitätssicht am idealsten für die Schweiz wäre. Gegenüber dem Status quo würde sich die Schweiz wirtschaftlich verbessern, insbesondere der Finanzplatz würde gestärkt.