Acht Jahre – so lange dauerte im Parlament die Diskussion darüber, ob junge Ausländer der dritten Generation erleichtert eingebürgert werden sollen.

Die Vorlage, die den parlamentarischen Fleischwolf überlebt hat, ist bescheiden: Von einem erleichterten Verfahren profitieren nur Kinder und junge Erwachsene zwischen 9 und 25 Jahren. Die Kriterien sind streng: Ein Grosselternteil muss ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz gehabt haben; ein Elternteil muss zehn Jahre hier gelebt und fünf Jahre eine Schweizer Schule besucht haben; und die Person, die sich einbürgern lassen will, muss in der Schweiz geboren und fünf Jahre hier zur Schule gegangen sein. Ist ein Aspirant straffällig geworden oder bezieht er Sozialhilfe, wird ihm der rote Pass nicht ausgehändigt.

Eine automatische Einbürgerung der dritten Generation hat das Volk 2004 knapp abgelehnt. Daraus hat Bundesbern die Lehren gezogen. Die Vorlage, über die wir am 12. Februar abstimmen, sieht keinen Automatismus vor. Eingebürgert wird weiterhin nur auf Antrag.

So streng die Kriterien, so begrenzt die Wirkung: Laut einer Studie erfüllen lediglich rund 25 000 Personen die Anforderungen. Der Bund geht davon aus, dass pro Jahr knapp 2500 Personen ein Gesuch stellen werden. Das ist ein Bruchteil der ausländischen Wohnbevölkerung von fast zwei Millionen. Von einer Masseneinbürgerung, wie das die Gegner der Vorlage suggerieren, kann keine Rede sein. Über 60 Prozent der Betroffenen sind Enkel italienischer Arbeiter, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren in die Schweiz eingewandert sind. Der Rest kommt aus dem Balkan und der Türkei.

Abgesehen davon, dass diese Menschen schon lange hier sind, sind auch ihre Herkunftsländer keineswegs für einen radikalen Islam bekannt. Trotzdem wollen uns die Gegner mit ihrer radikalen Burkakampagne glaubhaft machen, es gehe am 12. Februar darum, zu verhindern, dass Radikale Schweizer werden. Mitnichten. Burkaträgerinnen der dritten Generation gibt es so viele wie Schneemänner im Sommer. Betroffen sind vielmehr Menschen wie du und ich, einfach ohne roten Pass. Die allermeisten sprechen die hiesige Sprache fliessend und sind bestens integriert. Sie sollen in dem Land, das ihr Zuhause ist, auch demokratisch mitbestimmen dürfen. Wie 1971 das Frauenstimmrecht, ist auch dieser Schritt wichtig für den Ausbau der Demokratie. Wieso sollten Terzos auch nicht Schweizer sein dürfen? Sie sind nicht verantwortlich für die Migrations-Geschichte ihrer Grosseltern.

Die Frage, warum sich die Terzos nicht schon längst eingebürgert haben, taucht häufig auf. Der Grund ist einfach: Die Hürden sind hoch, die Verfahren kompliziert und teuer. Der Bund will das ändern, indem er die Verfahren verschlankt und vereinheitlicht. Sprachtests und das Vorsprechen vor einer Kommission sollen entfallen. Das ist nur gerecht, denn jeder Kanton, jede Gemeinde setzt die Messlatte heute unterschiedlich hoch. Warum soll eine Person mit dem gleichen Profil in der Gemeinde A höhere Barrieren überwinden als in der Gemeinde B?

Einige Gegner, namentlich aus den Reihen der CVP, führen das Föderalismus-Argument ins Feld. Das ist unglaubwürdig. Fast alle Kantone, die meisten Gemeinden und alle Städte stehen hinter der Vorlage. Warum sollen sie sich selbst entmachten? Gemeinde und Kanton können sich weiterhin zu jedem einzelnen Fall äussern. Halten sie eine Person für schlecht integriert, wird sie nicht eingebürgert. Basta.

Ein Ja wäre ein wichtiges Signal an Menschen, die hier leben und arbeiten, die unser Land aufgebaut, mitgeprägt haben. Bei einem Ja würde die Beweislast umgekehrt: Bisher musste eine Person beweisen, dass sie integriert ist. Neu sollen Junge der dritten Generation grundsätzlich als integriert betrachtet werden. Abgesehen von dieser Vorlage lohnt es sich, den Blick zu heben und sich generell Gedanken zu machen über das «wir» und die «andern». Die SVP hat letzte Woche wieder einmal eine ihrer berüchtigten Statistiken präsentiert. Darin führt sie drei Kategorien auf: Schweizer, Eingebürgerte (seit 1985) und Ausländer. Heisst das etwa: Eingebürgerte sind nur halbe Schweizer? Gehören sie noch immer nicht dazu? Ist Integration nie fertig? Sind echte Schweizer nur die, die SVP wählen, im Jodelchörli aktiv sind und die Fahne schwingen?