Zukunftstechnologien

Ein Touchdown für Europa

Die New England Patriots feiern sich als Super-Bowl-Sieger 2019. Die Werbespots, die zur Übertragung im TV liefen, drehten sich um Zukunftstechnologien.

Die New England Patriots feiern sich als Super-Bowl-Sieger 2019. Die Werbespots, die zur Übertragung im TV liefen, drehten sich um Zukunftstechnologien.

Kommunikationswissenschafterin Miriam Meckel schreibt in ihrer Kolumne zu den Umbrüchen in Gesellschaft und Wirtschaft durch neue Technologien: «Viel zu sehr ist die Diskussion derzeit getrieben von Angst und Abwehrreaktionen.»

Wer in der Nacht von Sonntag auf Montag Super Bowl geschaut hat, konnte nicht nur Tom Brady mit den New England Patriots siegen sehen. Es gab auch einiges über die Lage des Landes zu lernen, wie der US-Schriftsteller Richard Ford sagen würde. Und zwar in den Werbespots, die in der TV-Übertragung gezeigt wurden. In diesem Jahr handelten alle Spots von neuen Technologien – oder, besser: Sie handelten davon, wie Menschen sich derzeit die technologische Zukunft vorstellen.

Da war viel Dystopie zu erkennen, Angst vor einem Leben, in dem die Maschine vom Menschen übernimmt und damit nicht nur Gutes tut. Alexa, der automatisierte Sprachassistent von Amazon, schaltet in einem Spot der ganzen Welt den Strom ab. In einem anderen wird ein Mann morgens um drei von einem Roboterkind geweckt, das einen Snack möchte, und muss ihm erklären: «Du kannst keinen Hunger haben, Du isst gar nicht.» Oder eine dritte Dystopie: Ein Roboter stiehlt den Menschen in allem die Schau und die Siege, beim Golfen, beim Laufen, beim Gewichtheben, um dann traurig durch ein Fenster zu beobachten, wie die Menschen sich im Restaurant zusammen beim Biertrinken amüsieren. Er weiss nicht, wie das geht und wie sich das anfühlt. Warum er dann weiss, dass es schön wäre, dabei sein und mitfühlen zu können, weiss wohl nur die Werbeagentur, die den Spot produziert hat.

Die Transformation unserer Gesellschaft durch Technologie

Die Lage des Landes ist also fantasiereich, aber auch märchenhaft. All das, was wir dort sehen, hat nichts mit unserer Gegenwart und wenig mit unserer Zukunft zu tun. Und doch spiegelt die Werbung auch Wirklichkeit. In der herrscht derzeit etwas viel Storytelling über Bedrohungsszenarien neuer Technologien, über neue virtuelle Kalte Kriege oder die Ablösung des Menschen. Ganz ehrlich: Da ist ziemlich viel Quatsch dabei.

Richtig ist: Es gibt kaum ein Thema, das derzeit mehr von unserer Aufmerksamkeit und Wachheit beanspruchen darf, als die Transformation unserer Wirtschaft und Gesellschaft durch Technologie. Nicht, weil Roboter uns im Biertrinken oder Gewichtheben Konkurrenz machen, sondern weil wir mittendrin sind, die nächste Zivilisationsstufe einer digitalen Gesellschaft zu zünden: durch künstliche Intelligenz.

Hier kommt auf Europa, auf die Schweiz, Deutschland, ja, alle High-Tech-Nationen eine entscheidende Aufgabe zu: im Wettlauf zwischen den USA und China eine Rolle zu spielen, einen alternativen Akzent zu setzen, den man vielleicht mit einem Begriff auf den Punkt bringen kann – eine digitale soziale Marktwirtschaft.

Chancen und Perspektiven nutzen: Die digitale soziale Marktwirtschaft

Die wird nicht dadurch entstehen, dass dystopische Werbespots ein Zerrbild der Zukunft malen. Nicht dadurch, dass die Politik ein Eckpunktepapier nach dem anderen produziert. Und nicht dadurch, dass wir vor lauter Angst vor den übermächtigen Maschinen den Kopf in den längst sehr silikonhaltigen Sand stecken. Eine digitale soziale Marktwirtschaft wird nur da entstehen, wo jede und jeder bereit und in der Lage ist, die Chancen und Entwicklungsperspektiven zu nutzen, die sich auftun.

Die Voraussetzungen dafür sind doch gar nicht schlecht. In der Industriekompetenz haben Teile Europas viel zu bieten, sie wird für das industrielle Internet dringend gebraucht. Und so sehr manch einer auf die Europäische Datenschutzgrundverordnung schimpft: Wenn selbst Tech-CEOs, wie Microsoft-Chef Satya Nadella am WEF in Davos, sie inzwischen als international vorbildlich loben, sollten wir Europäer noch mal neu nachdenken. Es könnte sein, dass eine Rechenschaftspflicht im transparenten Umgang mit Daten mal zu einem Standortvorteil im Systemwettbewerb zwischen den USA und China wird.

Viel zu sehr ist die Diskussion über Zukunftstechnologien derzeit getrieben von Angst und Abwehrreaktionen. Beide sind keine guten Berater für die Gestaltung der Zukunft. Wissen und Handlungsfähigkeit sind gute Berater. Und Mut und Innovationskraft. Das wären auch schöne Motive für Werbespots in einem sportlichen Umfeld, in dem man einen Touchdown ohne diese Eigenschaften mal gleich vergessen kann.

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