Am Montag brachen die Aktienmärkte in den USA ein. Insgesamt verlor der Dow-Jones-Index über 1000 Punkte. So viel wie noch nie in seiner Geschichte. Relativ betrachtet fällt der Einbruch mit 4,6 Prozentpunkten zwar erheblich aus, ist aber im Langzeitvergleich bei weitem kein Rekord. Noch stärker tauchte der Index zuletzt 2011. 

Für manche Anleger dürfte der Montag dennoch in schmerzhafter Erinnerung bleiben. Wie der Agentur Bloomberg vorrechnete, haben die reichsten Menschen dieses Planeten zusammen über 100 Milliarden Dollar verloren. Spitzenreiter unter den Verlierern war Starinvestor Warren Buffet, der um über 5 Milliarden Dollar «ärmer» wurde. Er kanns verkraften. Grossinvestoren wie er und manche Silicon-Valley-Chefs, die ebenfalls Milliarden verloren, konnten ihre Vermögen in den letzten Jahren extrem steigern.

Am Dienstag setzte sich der Crash in den USA an den asiatischen und den europäischen Märkten fort, wo die Aktien ebenfalls auf weiter Front an Terrain einbüssten, allerdings nicht mehr so stark wie in den USA. In der Schweiz tauchte der SMI um 2,9 Prozent. Abgestraft wurden vor allem die Titel der Grossbanken Credit Suisse und UBS, die sechs respektive vier Prozent nachgaben.

«Da ist sie nun, die lang erwartete Korrektur», sagte ein Händler beinahe erleichtert. Die Börsenrally der letzten Wochen und Monate nahm schon fast unheimliche Formen an. Die Kurse kletterten von einem Höchst zum nächsten. Noch in Davos verkündete US-Präsident Donald Trump, dass seit seinem Amtsantritt an 48 Börsentagen Rekordstände verzeichnet wurden. Nur logisch, dass es da langjährigen Beobachtern angst und bange wird. Dass es nicht immer nur raufgehen kann, ist nicht nur ein Gesetz der Physik, das gilt bisweilen auch in Finanzangelegenheiten.

Doch warum kam es zum Crash?

Ein Grund könnte Inflationsangst gewesen sein. In den USA macht seit ein paar Tagen die Befürchtung die Runde, wonach die Teuerung plötzlich hochschiessen könnte und damit auch die Zinsen. Getrieben wurden die Ängste durch steigende Löhne (plus 2,9 Prozent), tiefe Arbeitslosenzahlen (4,1 Prozent) und die schwer abschätzbaren Folgen der Steuerreform. Ist mal ein solcher Nachrichtencocktail im Umlauf, braucht es wenig, um die Börsen zum Kippen zu bringen. Gestern Dienstag beruhigten sich die amerikanischen Börsen bereits wieder weitgehend. Viele US-Aktien legten gar bereits wieder zu. 

Wie immer, wenn es nach einer langen Boomphase an den Börsen zu einer Korrektur kommt, geht das grosse Mutmassen der Experten los. Haben wir den Anfang einer grossen Wende gesehen oder handelt es sich nur um eine kurze Verschnaufpause, bevor die Börsen die nächste Rekordmarke ins Visier nehmen? Die Unentschlossenen gibt es natürlich auch, die weder an das eine noch das andere Szenario glauben, und stattdessen daran glauben, dass sich die Märkte in nächster Zeit «seitwärts» bewegen werden.

Klar ist, dass die USA auch nach dem Ausverkauf der teuerste Aktienmarkt der Welt bleiben werden. Die sogenannte Cape-Ratio, eine Formel, welche das Preisniveau von Aktien ausdrückt, steigt seit 2009 ohne Unterbruch an und befindet sich inzwischen bei 32 Punkten. Die Ratio könne noch weiter steigen, ist Nobelpreisträger Robert Shiller überzeugt, welcher die Formel erfunden hat. Aber das Risiko für weitere heftige Einbrüchebleibt hoch. Im Jahr 2000 lag die Quote bei 45.

Wenn der Crash vom Montag uns etwas gelehrt hat, dann, dass es noch so was wie Inflation geben kann. Seit der Finanzkrise ist sie beinahe komplett ausradiert worden. Als Gespenst zumindest meldet sie sich nun zurück. In den USA ist sie bereits gegenwärtig. In Grossbritannien ist sie ebenfalls spürbar. Die Preise steigen an und die Notenbank erhöhte im November erstmals nach zehn Jahren wieder die Zinsen. Doch in Japan und im Euro-Raum – und ja, auch in der Schweiz – ist die Inflation nach wie vor kaum ein Thema. Doch das Bild ist nicht einheitlich. Dazu muss man nur nach Deutschland blicken, wo die mächtigste Gewerkschaft eine Lohnsteigerung von 4,3 Prozent durchdrückte. 

Das alles sind untrügliche Anzeichen dafür, dass Folgen der Finanzkrise allmählich abgeschüttelt werden. Die Notenbanken, die während zehn Jahren die Märkte mit billigem Geld geflutet haben, werden gezwungen, ihre Politik zu überdenken. Der Anfang vom Ende des billigen Geldes hat begonnen. So gesehen ist der jüngste Kurseinbruch auch Ausdruck einer zurückkehrenden Normalität.