Kolumne

«Ein Nachmittag in Aarau»: Backe, backe Kuchen für die Schulen

In den Aarauer Schulen lässt sich ein ganz eigener Geldfluss feststellen.

In den Aarauer Schulen lässt sich ein ganz eigener Geldfluss feststellen.

In den Aarauer Schulen lässt sich ein ganz eigener Geldfluss feststellen. Die Stadt hat 2015 im Zuge von Sparmassnahmen die Beiträge für Schulreisen, Schullager und sonstige Ausflüge reduziert. Da die Kinder, angetrieben von übermotivierten Lehrpersonen, dummerweise doch noch an Schulreisen, Schullagern und Ausflügen teilnehmen möchten und diese in den letzten Jahren sicherlich eher teurer als günstiger geworden sind, müssen sie halt die nötigen Batzen woanders herholen.

Das Zauberwort heisst «Pausenkiosk». Eltern gehen also Backsachen einkaufen und stellen die Verkaufsobjekte auch gleich selber her, weil die Kinder keine Zeit haben oder das nicht so gut können (man will sich doch nicht blamieren). Kuchen, Waffeln, Muffins und weitere Leckereien werden dann in die Schule mitgegeben, worauf sie in der Pause an andere Kinder verkauft werden, die dafür einen Fünffränkler von ihren Eltern zugesteckt bekommen haben. Und so geht’s weiter Woche für Woche, bis alle ihre Batzen für die Schulausflüge zusammen haben.
Geld fliesst einerseits in Lebensmittelläden, damit die Kinder etwas an die anderen Kinder verkaufen können, um so an das Geld von anderen Eltern zu kommen. Ihrerseits erhalten dann die Kinder dieser Eltern später wiederum Geld von den Kindern, die den Pausenkiosk mit dem Geld ihrer Eltern leerkaufen. Und es ist ja auch nicht so, dass Mütter und Väter sonst nichts bezahlen, denn beispielsweise für das Schullager wird in Aarau eine Elternbeitrag von 200 Franken pro Kind erhoben.

Das Bundesgericht hat im Januar einen weitreichenden Entscheid in Sachen Schullager getroffen: höchsten 80 Franken dürfe der Elternbeitrag betragen, so das Urteil aus Lausanne. Dieser Entscheid dürfte die Frequenz von «Pausenkiosken» noch weiter ankurbeln. Oder das Schullager und weitere Schulausflüge für immer beerdigen. Denn, will und kann die Stadt noch die zusätzlichen 120 Franken pro Kind – würde das Bundesgerichtsurteil umgesetzt – für ein Schullager aufbringen? Wohl nicht. Oder es wird dann bei der Schulreise und anderen Ausflügen gespart. Es wird sich die Grundsatzfrage stellen, was zum Unterricht gehört. Was soll obligatorisch sein, was fakultativ? Haben Schulreisen, Schullager oder Ausflüge in Museen, Theater oder archäologischen Stätten einen pädagogischen Wert? Ich meine ja, und wie Schulbücher und Schulmaterial gehören sie zur Grundausstattung einer Schule. Begrenzt vielleicht, aber sie gehören dazu.

Es ist wohl zu erwarten, dass Eltern immer mehr zur Kasse gebeten werden, durch Beiträge, die sie bezahlen müssen oder Schullager und weitere Schulausflüge noch verstärkt durch «Pausenkioske», Veloputzaktionen oder anderes querfinanziert werden. Dies sollte eigentlich die Ausnahme und nicht die Regel sein. Extraprojekte können und sollen gerne damit finanziert werden. Aber wenn die Ausnahme zur Regel wird, läuft etwas schief. Kann sich Aarau die Schulreise, das Schullager und ein Museumsbesuch für unsere Kinder wirklich nicht mehr leisten? Um nicht noch von all dem Zucker zu reden, den die Kinder mit dem Segen der Schule zu sich nehmen, weil an den Kiosken dauernd Süsses angeboten wird.

Die Behörden sind gefordert: Obligatorische Schulausflüge sollen genau definiert und die Finanzierung sichergestellt werden. Denn sicher ist eins, der Unterricht darf nicht nur im Schulzimmer stattfinden. Es gibt nichts Nachhaltigeres als Selbsterlebtes. Neue Interessen werden geweckt, das Lernen von trockenem Stoff wird einfacher und auch die sozialen Aspekte dürfen nicht ausser Acht gelassen werden. Doch bis dahin werden wohl die Aarauer Eltern weiterbacken, den Kindern Geld zustecken und den eigenartigen Geldfluss an den Aarauer Schulen weiter bedienen müssen – zumindest die, welche es können.

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