Das ging schneller als erwartet, oder besser: als befürchtet. Nach nur 65 Tagen hat die Amtsperiode ihr erstes Opfer. Sibylle Lüthi tritt als Gemeindepräsidentin von Kaiseraugst zurück. Aus persönlichen Gründen, wie sie sagt. Das Amt habe sie zusehends als unbefriedigend erlebt. Hat sie ausgelaugt.

Der Zeitpunkt so kurz nach dem Start der Legislatur ist unglücklich, zugegeben. Aber: Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht. Es verdient Respekt, dass Lüthi den Hut jetzt nimmt – im Wissen, dass ihr der Zeitpunkt Vorwürfe einbringen wird.

Es ist konsequent, dann zu gehen, wenn man spürt: Es geht nicht mehr. Wenn sie noch einige Monate oder in extremis dreieinhalb Jahre ausgeharrt hätte – es hätte niemandem etwas gebracht.

Was zu denken geben muss, ist die Tatsache, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Daran sind Lüthi und der Gemeinderat nicht unschuldig. Sie haben in den letzten Monaten nicht immer glücklich agiert. Und auch die Kommunikation war nicht immer optimal. Manchmal hatte man von aussen das Gefühl, die Exekutive spüre die Bevölkerung nicht mehr. Das darf nicht sein.

Doch die Schuld einfach auf das Gremium abzuschieben, greift zu kurz. Was sich in Kaiseraugst abspielt(e), ist ein Ausdruck der heutigen Gesellschaft. Sie ist zusehend von Egoismus, Intoleranz und Respektlosigkeit geprägt.

Wer sich in den Kommentaren auf den sozialen Netzwerken umsieht, erschrickt, wie sehr hier inzwischen auf den Mann respektive die Frau gespielt wird. Drohungen sind keine Seltenheit. Eine Gesellschaft funktioniert aber nur mit gegenseitigen Respekt.

Dies muss jemand, der sich für ein Amt zur Verfügung stellt, erwarten können. Gerade auch als Gemeindepolitiker. Dass nun just ehemalige Amtsinhaber am schärfsten schiessen, ist schlechter Stil.

Der Rücktritt von Sibylle Lüthi ist auch eine Chance. Für einen Aufbruch. Von innen.

thomas.wehrli@azmedien.ch