Hierzulande gibt es keine «midterms», keine Zwischenzeugnisse für Regierung und Parteien. Doch auch im Aargau ist demnächst die Hälfte der Legislatur 2017–2020 erreicht. Als Halbzeitlektüre empfiehlt sich ein Beitrag in der soeben erschienenen «Argovia», der Jahresschrift der Historischen Gesellschaft Aargau, über die Hochs und Tiefs der aargauischen Parteien in den letzten 100 Jahren. Autor ist der ehemalige National- und Regierungsrat Silvio Bircher (SP). Den 100-Jahre-Betrachtungsraum wählt er, weil anno 1919 die Einführung des Proporz-Wahlrechts für den Nationalrat die Parteienlandschaft radikal umkrempelte und die freisinnige Dominanz beendete. 1921 wurde auch der Grosse Rat erstmals im Proporz-Verfahren gewählt.

Bei den Nationalratswahlen 1919 starteten die vier Parteien, welche die folgenden 100 Jahre im Aargau dominieren sollten, im Gleichschritt: Der Aargau besetzte damals erst 12 Sitze – FDP, SP, Katholisch-Konservative KK (heute CVP) sowie Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB (heute SVP) errangen je deren 3. Von 1939 bis 1983 verharrte die BGB bzw. SVP auf zwei Sitzen, bevor ihr rasanter Anstieg auf heute 7 (von 16) begann. Die SP erlebte in den Kriegsjahren 1939 und 1943 ihr Allzeithoch mit 5 Sitzen. Die frühere Dominatorin FDP schaffte es in den letzten 100 Jahren nie mehr über 3 Sitze. Die CVP erlebte eine Blüte 1979 und 1983 mit 4 Sitzen, bevor ihr Krebsgang auf heute noch einen Sitz begann.

Bei den Grossratswahlen von 1921 errang die SP mit 51 am meisten Sitze. Diesen Spitzenrang behielten die Roten im Industriekanton während 48 Jahren, bis 1969, mit einem Höchststand von 68 Sitzen anno 1939. Die BGB/SVP besetzte von 1937 bis 1989 stets den letzten Platz unter den grossen vier, seit 2001 – mit dem Höchststand von 72 Sitzen – ist sie die stärkste Kraft. 2005 sank die Zahl der Grossratssitze von 200 auf 140. Davon besetzt die SVP heute 45. Die FDP errang in den letzten 100 Jahren nur zweimal am meisten Sitze, nämlich 1985 und 1989, die CVP einmal, 1973, kurz nach einer Parteireform und der Abkehr vom Namensmonster «Konservativ-Christlichsoziale Volkspartei».

Unter den kleineren Parteien hat es einzig die EVP geschafft, während den gesamten 100 Jahren im Kantonsparlament präsent zu bleiben. Andere sind aufgetaucht und wieder verschwunden. Die spektakulärste Kurve kratzte die Autopartei: 1989 von 0 auf 12 Sitze, 1993 19 Sitze, 2005 0 Sitze. Insgesamt entsteht nach der Lektüre von Birchers Beitrag der Eindruck eines Kantons, der in der jüngsten Vergangenheit deutlich nach rechts marschiert ist.