Muss jemand betonen, was man doch voraussetzen darf? «Wenn ich ehrlich bin ...» oder: «Ehrlich gesagt ...» – Fallen solche Floskeln häufiger, kann man sicher sein: Die Lügen steigen.

Aber setzen wir nicht gleich den moralischen Bohrer an. Sondern betrachten die Sache human – heisst: mit Nachsicht auf das, was beim Menschen am verbreitetsten ist: die kleine Lüge, verschämte Gier, der Viertel Mut. Fragile Eigensucht mit anspruchsloser Tarnung, Eigenschutz aus der Deckung, selten mit offenem Visier. Aggression hinterm Rücken, auf stets korrekt abgefasstem Papier. Zwei Drittel Halbwissen und ein Drittel Bockigkeit, es genau wissen zu wollen – kurz: Human ist der kleine Selbstbehaupter. Im Grossraumbüro des Anstands bespielt er nur jene Nischen, wo er weitgehend ungeschoren und wohldosiert etwas Schmutz aufrühren darf.

Da müsste einer gar nicht sagen: «Um ehrlich zu sein ...» – das glaubt ihm ohnehin keiner, der etwas vom Leben versteht. Ist mal einer ehrlich, merkt das sofort jeder: Solche Töne hört man selten; die Wirkung eines Senkrechten ist meistens wuchtig. Gewöhnlich mag man sie nicht besonders, diese Spielverderber normalen Schattentheaters. Wie man die Sache auch wendet, fern von Moral, rein menschlich: Man kann auf die doofe Floskel getrost verzichten.