Analyse

Drohende Klima-Flüchtlingskrise: Erst reagieren, wenn es an der Tür klopft

Bald könnten 100 Millionen Menschen wegen des Klimawandels aus Afrika in Richtung Norden strömen. Das sagt nicht irgendwer – es ist der der deutsche Entwicklungsminister.

Bald könnten 100 Millionen Menschen wegen des Klimawandels aus Afrika in Richtung Norden strömen. Das sagt nicht irgendwer – es ist der der deutsche Entwicklungsminister.

Auslandredaktor Fabian Hock analysiert die Haltung, mit der unsere Gesellschaft der drohenden Klima-Flüchtlingskrise begegnet.

Der deutsche Entwicklungsminister ist kein auffallend charismatischer Mann. Auch keiner, der sich selbst gern in den Mittelpunkt rückt. Umso dramatischer ist das, was Gerd Müller am vergangenen Sonntag in einem Interview sagte: In einer riesigen Fluchtbewegung könnten sich bald 100 Millionen Menschen aus Afrika in Richtung Norden aufmachen. Und zwar nicht wegen Krieg oder politischer Verfolgung – sondern wegen des Klimawandels.

Wenn es nicht gelingt, die Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, hätten wir es demnach in ein paar Jahrzehnten mit einer Fluchtbewegung zu tun, die alles bisher Bekannte in den Schatten stellt.

Müllers Zahl schockiert nicht nur deshalb, weil sie von einem CSU-Mann kommt. Dramatisch wird es, wenn man sie ins Verhältnis setzt: Ende 2016 waren laut UN-Flüchtlingshilfswerk weltweit 65,5 Millionen Menschen auf der Flucht. So viele wie noch nie. Die meisten davon finden innerhalb der eigenen Landesgrenzen oder in Entwicklungsländern Zuflucht. Nicht bei uns. Dass der Klimawandel nun noch mal einen Drittel mehr Menschen aus ihrer Heimat vertreiben dürfte – und sie vor allem in Richtung Europa strömen lässt –, sollte uns doch zumindest wachrütteln.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt auf Prüfstand

Die Spitze der zurückliegenden Fluchtbewegung nach Europa (die nicht etwa von sich aus abgenommen hat, sondern nun lediglich an anderer Stelle gestoppt wird) hat vor allem in Deutschland den gesellschaftlichen Zusammenhalt arg auf die Probe gestellt. Müllers Warnung wird daher sehr ernst genommen – sollte man meinen. Doch leider geschieht: nichts. Zeitungen war es allenfalls eine Kurzmeldung wert, kein namhafter Politiker reagierte. Keine Debatte weit und breit. Frei nach dem Motto: Was ich nicht sehe, existiert nicht. Wieder einmal scheint es, als wollten wir auf eine sich abzeichnende Flüchtlingsbewegung erst dann reagieren, wenn die Menschen bei uns an die Tür klopfen.

Was also gilt es zu tun? Da wäre zunächst einmal die Wurzel des Problems: der Klimawandel. An der eigenen Nase nehmen, ist hier sicher wichtig, aber nicht genug. Vor dem Hintergrund der drohenden Fluchtbewegung erscheint eines noch absurder als ohnehin schon: der Rückzug Donald Trumps aus dem Klimaschutzabkommen von Paris. Zwar beeilten sich Stadt- und Staatspräsidenten, Unternehmer und Kommentatoren, den auch nach dem Abschied der USA intakten Klimaschutz-Geist in der Welt zu beschwören. Diese Reaktion war erfreulich. Doch der Willen zum Klimaschutz ist weltweit alles andere als gefestigt und stabil. Eine geschlossene Front der Staaten dieser Welt hätte zur Akzeptanz des Klimaschutzes als überlebenswichtige Massnahme beitragen können. Ob nun Solarenergie immer günstiger wird und Kohlekraftwerke immer unattraktiver werden oder nicht: Der Sonderweg der USA birgt aller Beteuerungen aus der dortigen Wirtschaft zum Trotz die Gefahr, dass andere wichtige Staaten dem erreichten Konsens den Rücken kehren.

Klimaschutz ist trotz Pariser Abkommen kein unaufhaltsamer Prozess. Seit dem Austritt der USA schon gar nicht mehr. Der Druck auf die Trump-Administration muss deshalb hoch bleiben. Dies umso mehr, weil es mancherorts zum Trend wird, notwendige Kritik am US-Präsidenten als überzogenes «Trump-Bashing» abzutun. Stattdessen wird dazu aufgerufen, erst mal vor der eigenen Haustüre zu kehren. Die Wahrheit aber ist: Beides ist nötig, sowohl das Überdenken des eigenen Lebensstils – ob das nun Flugreisen, Autos oder Klimaanlagen sind – als auch die Kritik an der von Trump vollführten Sabotage am Klimakonsens. Da letztlich nicht der auf den Tesla gekommene Schweizer BMW-Fahrer das Klima retten kann, der US-Präsident im Zweifel aber schon, fällt Letzteres vielleicht noch ein wenig mehr ins Gewicht.

Zur Wahrheit gehört an dieser Stelle jedoch auch, dass die Staaten in Europa selbst beim Erreichen des Zwei-Grad-Ziels um eines nicht herumkommen werden: Sie müssen sich auf eine riesige Fluchtbewegung aus Afrika einstellen. Die dortige Bevölkerung wächst um eine Million – pro Woche. Die Wirtschaft kommt diesem Wachstum nicht mal ansatzweise nach. Die Menschen werden kommen. Ob es nun 100 oder «nur» einige Dutzend Millionen sein werden. Konzepte entwickeln, ehrliche Dialoge mit der Bevölkerung beginnen, europäische Kooperation verstärken – nichts davon ist bisher zu spüren. Eines indes ist gewiss: Niemand wird rückblickend sagen können, man habe es nicht kommen sehen.

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