Bundesratswahlen

Doris Leuthards langer Schatten

Doris Leuthard: Ausnahmebundesrätin.

Doris Leuthard: Ausnahmebundesrätin.

Bundesratswahlen sind für Parteien wie ein Sechser im Lotto: Während Wochen sind sie dominierendes Thema. Die Parteien können ihr fähiges Personal zeigen. Ein Schaulaufen sondergleichen. Richtig Euphorie mag zumindest bei der CVP-Auswahl jedoch nicht aufkommen: Elisabeth Schneider-Schneiter, Heidi Z’graggen, Peter Hegglin und nun Viola Amherd – vor einem Jahr hätte niemand auf dieses Kandidatenquartett gewettet.

Nur: Die Auswahl ist gar nicht so übel. Sie ist durchschnittlich. Und das sind Bundesräte ganz oft. Nehmen Sie Guy Parmelin: Bislang ist er weder durch strategische Brillanz noch durch grossartige Rhetorik aufgefallen. Sein Deutsch? Verbesserungswürdig. Johann Schneider-Ammann zerrte bis zuletzt von seinem Nimbus als Unternehmer. Er war im Berner Intrigantenstadel eine ehrliche Haut. Gewiss, eine Qualität. Doch herausragend? Eben nicht. Didier Burkalter glänzte auf dem internationalen Parkett, innenpolitisch agierte er enttäuschend. Und Ueli Maurer braucht bei der Steuerreform dringend einen Erfolg, sonst bleibt seine Bilanz bescheiden.

Das Problem der CVP-Kandidaten ist, dass sie an Doris Leuthard gemessen werden. Doch die Aargauerin ist eine Ausnahmebundesrätin, was politisches Geschick und Ausstrahlung betrifft. Und vor ihrer Wahl wurde ihr mangelnde Führungserfahrung vorgeworfen. Als Scheidungsanwältin bezeichnete man sie abwertend.

Dass sich Durchschnitt vor Brillanz durchsetzt, kann sich im Nachhinein auch als Tugend erweisen. Wer ist heute nicht froh, dass 2017 anstelle von Ausnahmetalent Pierre Maudet Ignazio Cassis in den Bundesrat gewählt worden ist?

doris.kleck@chmedia.ch

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