Was sich am 2. Oktober im saudischen Konsulat in Istanbul zugetragen hat, werden wir wohl nie restlos erfahren. Jamal Khashoggi wollte dort Papiere für seine geplante Hochzeit abholen. Seither ist er verschwunden. Saudische Schergen sollen ihn gefoltert und dann bestialisch ermordet haben.

Der Journalist gehörte zu den wichtigsten Gegnern des saudischen Königshauses. In seinem letzten Artikel forderte Khashoggi freie Medien in arabischen Staaten. Die Saudis streiten seine Ermordung ab, sie sprechen von einem «Verhör, das schiefgegangen» sein soll. Kenner des Landes halten es für ausgeschlossen, dass in einem Konsulat ein bekannter Regimekritiker ohne Wissen der Machthaber in Riad ermordet wird.

Wer in Saudi-Arabien Kritik am Regime übt, lebt gefährlich. Immer wieder verschwinden Dissidenten spurlos. Das Land führt einen rücksichtslosen Krieg im Jemen, wo die Armee erbarmungslos zivile Ziele unter Beschuss nimmt. Die UNO spricht von der grössten humanitären Katastrophe der Gegenwart. Die saudische Führungsriege fühlt sich angesichts des westlichen Kuschelkurses indes stärker denn je. Die Anzeichen verdichten sich, dass die Ermordung Khashoggis zu einem Umdenken in Europa und Amerika führen könnte.

Der Westen legt dem Regime seit Jahren den roten Teppich aus. Das Land ist nicht nur ein unverzichtbarer Öllieferant, sondern insbesondere für die USA ein strategischer Partner in der Auseinandersetzung mit dem Iran. Doch auch die Europäer haben sich mit den Gewaltherrschern am Golf bestens arrangiert. Deutschland liefert im laufenden Jahr Waffen im Wert von über 400 Millionen Euro an das Königreich. Und auch die Schweiz schreckt nicht davor zurück, den kriegführenden Saudis Waffen zu verkaufen. Bundesrat Johann Schneider-Ammann reiste im Juli 2017 mit einer prominenten Wirtschaftsdelegation nach Riad. Das Land gilt als «sehr wichtiger Partner». Bern hat die Beziehungen in den letzten Jahren deutlich intensiviert.

Angesichts der Ereignisse stellt sich die Frage, wie gerechtfertigt diese opportunistische und letztlich moralfreie Aussenpolitik ist. Natürlich steht für die Schweiz, die auf offene Märkte und regen wirtschaftlichen Austausch angewiesen ist, kein genereller Abbruch der Beziehungen zur Disposition. Könnten wir nur noch mit lupenreinen Demokratien Handel treiben, blieben nicht mehr allzu viele Partnerstaaten übrig.

Dennoch sind wir an einem Wendepunkt angelangt. Die Schweiz muss auf einer lückenlosen Aufklärung des Falls Khashoggi beharren. Sollte sich die These der Ermordung erhärten, sind Massnahmen angezeigt. Wie Recherchen dieser Zeitung zeigen, plant Ueli Maurer, der nächstes Jahr Bundespräsident ist, eine offizielle Reise nach Riad. Es wäre unverständlich, sollte ein Mitglied der Landesregierung unter diesen Vorzeichen an derlei Plänen festhalten. Ein Land, das Regimekritiker skrupellos hinrichten lässt, kann weder politisch noch wirtschaftlich Partner der Eidgenossenschaft sein.

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