Meinung

Dieser Text verfehlt sein Publikum

Hans Fahrländer

Hans Fahrländer

«Wer eine Aufmunterung zum Abstimmen braucht, liest diese Kolumne nicht, und wer diese Kolumne liest, braucht eine solche Aufmunterung nicht», sagt Hans Fahrländer. Er war Chefredaktor der Aargauer Zeitung und schreibt über Aargauer Politik.

Eigentlich wissen wir es ja schon lange, aber nun ist es sozusagen amtlich: Die jungen Menschen beteiligen sich höchstens punktuell am politischen Leben und Gestalten in diesem Land und diesem Kanton. Nach der kantonalen Volksabstimmung vom 23. September über die Millionärs-Steuer hat das Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) eine Nachbefragung durchgeführt. Diese hat ergeben, dass sich bloss 19% der 18- bis 29-Jährigen am Urnengang beteiligt haben. Die Beteiligung der über 70-Jährigen lag dagegen bei 55%, also dreimal höher. Kurz zuvor hatte das Zürcher Forschungs- institut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) darüber informiert, dass der Anteil der 16- bis 29-Jährigen, die keine politischen Meldungen zur Kenntnis nehmen, die 50%-Marke überstiegen hat. Sie beugen sich zwar permanent über ihr Handy, aber sie nutzen es bloss zur Unterhaltung.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle einen flammenden Appell an die jungen Stimmberechtigten richten, sie sollten sich vermehrt an Abstimmungen beteiligen, gerade auch am aktuellen Urnengang in einer Woche. Um ihre Zukunft geht es ja, die sollte nicht von über 70-Jährigen bestimmt werden. Doch ich sehe ein: Ein solcher Appell verfehlt sein Publikum. Wer eine solche Aufmunterung braucht, liest diese Kolumne nicht, und wer diese Kolumne liest, braucht eine solche Aufmunterung nicht. Doch Demokratie, Wahlen und Abstimmungen brauchen informierte, interessierte Menschen. Wer schweigt, ist einverstanden. Wir wagen uns kaum vorzustellen, was man unter diesen Umständen noch alles zur Abstimmung oder gar zum Durchbruch bringen könnte.

Ich schreibe also für die Eltern und die Älteren. Was haben wir falsch gemacht? Warum verweigern sich vier Fünftel unserer Jungen einem Privileg, für welches Junge anderswo eine Extrameile gehen würden? Die häufig bemühte «Politikverdrossenheit» kann es bei Jungen ja kaum sein, diese setzt fortgesetzt schlechte Erfahrungen voraus. Also Des-

interesse? Vermutlich. Keine Einsicht, dass über den, der nicht abstimmt, bestimmt wird. Haben wir als Vorbilder versagt? Vermutlich schon. Jedenfalls haben wir lange zu wenig Gegensteuer gegeben. Wir, die Elternhäuser. Wir, die Volksschule. Ein kleines Ermutigungszeichen setzt nun der Lehrplan 21: Als einziger Deutschschweizer Kanton führt der Aargau im dritten Oberstufenjahr das neue Fach «Politische Bildung» verbindlich ein. Zeit wäre also künftig vorhanden. Nun bräuchte es bloss noch engagierte Eltern und Lehrkräfte, welche bei den Jungen das politische Feuer zum Lodern bringen könnten.

Meistgesehen

Artboard 1