Wochenkommentar

«Die Wirtschaft» verliert ihr hässliches Gesicht – in der Coronakrise dämmert es uns: Das sind wir!

Patrik Müller

In der Finanzkrise 2008 waren Banker, Immobilienhaie und sonstige Abzocker das Gesicht der Wirtschaft. In der Coronakrise 2020 sind es Coiffeure, Wirtinnen, Zirkusbetreiber und Taxifahrerinnen. «Die Wirtschaft» ist plötzlich lieb. Das verleiht ihren politischen Forderungen Gewicht: Es braucht jetzt schnell Lockerungen. Der Wochenkommentar.

Die Überzeugung wächst, dass sich das Coronavirus in den Griff bekommen lässt. Die Kurve der Ansteckungen flacht ab, auch in den schwer getroffenen Ländern Italien und Spanien. In der Schweiz ist die Zahl der Neuinfektionen, die einst bei über 1000 pro Tag lag, auf 100 oder 200 gesunken. Zwar wird erst mit einem Impfstoff der Schrecken verschwinden, und auf diesen müssen wir wohl noch mindestens ein Jahr lang warten. Aber mit Abstandhalten und Händedesinfizieren, das weiss man jetzt, lässt sich das Virus eindämmen. Deshalb ist bei uns die Angst verflogen, dass die Spitäler zusammenbrechen, weil sie zu wenig Personal, zu wenig Betten und zu wenig Beatmungsgeräte haben.

Die medizinischen Indikatoren zeigen in die richtige Richtung – ganz anders die wirtschaftlichen. Noch Anfang März gingen die Ökonomen des Bundes nicht von einer Rezession aus. Man habe sich «grausam verschätzt», räumte Arbeitsdirektor Boris Zürcher gestern freimütig ein. Nun rechnet der Bund für dieses Jahr mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts BIP – des Werts aller produzierten Güter und Dienstleistungen – um 6,7 Prozent, verbunden mit steigender Arbeitslosigkeit. Es wäre der grösste Wirtschaftseinbruch seit dem Erdölschock in den 1970er-Jahren.

Für Konjunkturprognosen bitte Herrn Koch fragen!

Dass die Konjunkturforscher Prognosen auf das Komma genau berechnen, wo sie doch bloss im Nebel stochern, ist bizarr genug. Dabei ist die Rechnung relativ simpel: Legt man ein Drittel der Volkswirtschaft lahm, wie das in den letzten sechs Wochen der Fall war, dann verliert die Schweiz während dieser Zeit ein Drittel des BIP. Prognosen für das ganze Jahr hängen also davon ab, wie lange uns das Virus noch im Bann hält. Wer weiss das? Sicher nicht die Konjunkturforscher. Schon eher Herr Koch vom Bundesamt für Gesundheit.

Hinzu kommt, dass die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft stark vom Ausland abhängig ist. Selbst wenn alle Restaurants und Einkaufszentren wieder offen haben dürfen, fehlen die Einnahmen ausländischer Touristen und leiden die Exportfirmen mit ihren Zulieferbetrieben. SVP und FDP rufen zu Recht nach schnellen Lockerungen, aber sie streuen den Menschen Sand in die Augen, wenn sie so tun, als würde danach die Wirtschaft wieder auf Volllast laufen. Etwa zwei Drittel der Unterauslastung unserer Firmen ist gemäss neuen Daten auf «fremde» Einflüsse zurückzuführen. Merkel, Macron und Trump entscheiden letztlich, wann unsere vernetzte Wirtschaft durchstarten kann.

Ohne Wirtschaft kann das Gesundheitssystem nicht funktionieren.

Doch das spricht nicht gegen eine beschleunigte Öffnung im Innern: Da, wo wir es in der Hand haben, sollten wir die eingefrorene Wirtschaft auftauen. Immer unter Einhaltung der Hygienemassnahmen. Denn es stimmt zwar, was die Behörden sagen: Ohne dass wir das Virus unter Kontrolle bringen, kann es keine wirtschaftliche Erholung geben. Wahr ist aber auch: Ohne brummende Wirtschaft kann das Gesundheitssystem nicht funktionieren. Zudem macht Massenarbeitslosigkeit krank.

Die Anliegen der Wirtschaft haben jetzt ein ganz anderes Gewicht als bei der letzten grossen Rezession, der Finanzkrise 2008. Damals war «die Wirtschaft» das Böse schlechthin: Banker, Immobilienhaie und sonstige Abzocker waren schuld. Diesmal gibt es keine Sündenböcke – der Feind ist ein unsichtbares Virus. Die Leidtragenden sind nicht Grosskonzerne. Sondern Coiffeure, Wirtinnen, Zirkusbetreiber, Taxifahrerinnen und Physiotherapeuten.

Die Coronakrise ist eine Krise der Kleinen

Die Finanzkrise war eine Krise der Grossen, die Coronakrise ist eine Krise der Kleinen. Die ungeliebten Banken stellen die Kreditversorgung sicher. «Die Wirtschaft» taugt diesmal nicht als Feindbild. Befreien wir sie und unterstützen wir sie mit Steuergeld, kommt das in erster Linie Zehntausenden von Selbstständigen und Kleinbetrieben zugute.

«Die Wirtschaft», das ist nicht mehr die Manager-Kaste oder Economiesuisse. «Die Wirtschaft», das sind wir.

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