Gastkommentar

Die Westschweiz ist nicht sauer!

Swiss-Flugzeug am Flughafen Genf (Archiv)

Swiss-Flugzeug am Flughafen Genf (Archiv)

Thomas Klür, der CEO von Swiss, muss sich keine Sorgen machen, wenn jetzt in der Zeitung steht, die Westschweiz sei empört, weil die Swiss ihre Präsenz am Flughafen Genf reduzieren und einige Destinationen der Lufthansa-Tochter Eurowings übertragen will.

Ausser ein paar aufgeregten Genfer Politikern, die das skandalös finden (müssen), schreit kein Hahn danach. Die Bevölkerung nimmt es easy. Ob Swiss, Etihad, Austrian oder Easy Jet,
das ist für uns Westschweizer inzwischen Hans was Heiri. Seit Swiss der Lufthansa
gehört und keine «nationale Airline » mehr ist, trägt man die Swiss auch hier nicht mehr im Herzen wie das Fondue, den Fendant, das Raclette und früher die Swissair.

Natürlich weckt die Nachricht über den Plan «Geneva reloaded» die Erinnerung an den
abrupten Abschied der Swissair von Genf vor 20 Jahren, was damals ein echter Skandal war, weil die Swissair «uns» gehörte und die Pflicht hatte, alle nationalen Flughäfen, also Zürich, Genf und Basel zu bedienen. Der Rückzug wurde damals als Symptom für die notorische Vernachlässigung der Westschweiz durch die Finanzmetropole Zürich interpretiert. Heute ist die Swiss für den welschen Passagier eine unter vielen, sie profitiert zwar noch vom Qualitätslabel des weissen Kreuzes, eigentlich ein wunderbares Asset für die Airline, das sie sorgfältig pflegen sollte, was sie auch ansatzweise versucht: In der Werbung stellt sie sich immer noch als typisch schweizerisch dar, macht aber tatsächlich nur noch, was ihr wirtschaftlich richtig scheint, und das ist auch ganz okay. Wenn auch langfristig vielleicht falsch.

Irgendwann wird man in Frankfurt merken, dass was unterschätzt wurde

Hat man in Frankfurt, wo die Weichen für Swiss gestellt werden, gecheckt, dass das Lemangebiet ein grosses Wirtschaftswachstum verzeichnet und sich hier am meisten Start-ups und internationale Firmen niederlassen, die Nachfrage nach Flugreisen also noch wachsen wird? Irgendwann wird man in der Frankfurter Zentrale merken, dass da was unterschätzt wurde.

Ich will jetzt nicht so weit gehen und vorschlagen, dass Swiss eigentlich Namen und Schweizer Kreuz einfach zurückzugeben und ihre Flieger mit einem Fantasienamen wie «Züriwings» übermalen sollte, damit nicht jeder Leistungsabbau gleich rufschädigende Wirkung für Swiss made hat. Nein, noch ist das nicht nötig und es gibt definitiv kein nationales Drama. Man sollte endlich aufhören, überall zu behaupten, die Westschweizer seien sauer, wenn wieder einmal in Zürich oder Frankfurt ein wirtschaftlich begründeter Entscheid gefällt wird, den die Romands negativ auslegen könnten. Die Welschen machen auch nicht kollektiv die Faust, weil gewisse Kantone auf das Frühfranzösisch verzichten wollen. Niemand redet hier von drohenden belgischen Verhältnissen wie Alain Berset und ein paar Zürcher Journalisten, die sich befleissigt fühlen, die schützende Hand über die Westschweiz zu halten, als sei sie ein kapriziöses Kind.

Der eigentliche sprachliche Ärger sind die vielen Expats

Jeder Romand versteht, dass kleine Thurgauer Französisch nicht unbedingt lebenswichtig finden, im Gegensatz zu den kleinen Romands, die wissen, dass sie unbedingt Deutsch lernen müssen, und zwar nicht etwa für den besseren Zusammenhalt des Landes, sondern schlicht, weil die Jobchancen für einen Romand klein sind, wenn er sich nicht im ganzen Land verständigen kann.

Der eigentliche sprachliche Ärger, der neue Gräben schafft, sind nicht die kleinen Thurgauerli, sondern die vielen Expats. Alle Deutschschweizer geben sich Mühe, in der Westschweiz nur Französisch zu sprechen. Nicht so die vielen Expats aus der ganzen Welt, die für internationale Organisationen oder Firmen hergekommen sind und überall nur Englisch sprechen, die Kinder in internationale Schule schicken und im Laden Brot und Milch selbstverständlich nur auf Englisch verlangen, sodass die Kosovarin an der Kasse, die wir verpflichtet haben, perfekt Französisch zu lernen, jetzt wegen denen auch noch Englisch lernen muss! Darüber beklagen sich sehr viele Menschen. Aber die Politiker schweigen. Oder kann sich jemand vorstellen, dass Alain Berset die gut verdienenden Expats mit der Peitsche zum obligatorischen Französischunterricht treibt? Lieber halten wir uns weiterhin ans abgelutschte Klischee des Röstigrabens.

Meistgesehen

Artboard 1