Es sind zwei Titelseiten der «Welt», die die verrückte Lage in Deutschland ganz hervorragend auf den Punkt bringen. Die eine Schlagzeile ist vom Freitag: «Zahl der Arbeitslosen wird bald unter zwei Millionen fallen», lautet sie. Die andere: «Die Deutschen erleben die Gesellschaft als tief gespalten.» Die ist vom Donnerstag. Schon verrückt. Ein Land, in dem die Wirtschaft brummt, die Löhne steigen und es immer mehr Menschen immer besser geht, kommt mit sich selbst nicht mehr klar.

Die Zerrissenheit zeigt sich besonders, wenn es um Migration geht. Kein anderes Thema wird auch nur annähernd so heiss diskutiert. So heiss sogar, dass sich viele Beobachter sicher sind: da muss noch mehr dahinter stecken. Die Migrationsfrage, hört man dann, sei allenfalls Auslöser, nicht Ursache des Frusts. Die Gründe lägen vielmehr in diffusen Ängsten vor sozialem Abstieg. In Wahrheit kämen die Verunsicherten mit ihrer neuen Lebenssituation nicht zurecht. Und da die Digitalisierung schlecht als Sündenbock taugt, lässt man es halt an den Flüchtlingen aus.

«Wir müssen den Menschen zuhören», heisst es dann. «Ihre Sorgen ernst nehmen». Gemeint sind freilich die diffusen Ängste, die die Menschen angeblich umtreiben. Praktisch: Als Politiker muss man nach dieser Analyse nicht viel machen, denn schliesslich lassen sich die als «wahr» ausgemachten Ursachen Globalisierung und Co. nicht einfach abstellen. Also lautet die Parole: durchhalten. Die Menschen beruhigen. Kommt schon alles gut. «Wir schaffen das.» Die umtriebige SPD geht derweil einen Schritt weiter. Sie möchte den Menschen die Ängste nehmen, indem sie Sozialprogramme auflegt. Eine «Sozialoffensive» plant die Parteispitze sogar. Sobald die Menschen das Gefühl zurückbekämen, man kümmert sich um sie – so offenbar die Idee dahinter –, dann würde sie das Thema Migration schon nicht mehr so sehr auf die Palme bringen.

«Potenzmittel» der AfD

So wollen die etablierten Parteien der Alternative für Deutschland (AfD) den Wind aus den prallen Segeln nehmen. Wie gut das klappt, lässt sich an den Rekordzahlen ablesen, die die AfD nicht nur im Osten der Republik in Umfragen einfährt. Doch warum will es nicht so recht gelingen, der AfD und ihrer teils fremdenfeindlichen Polemik mit sozialem Wohnungsbau und Rentenversprechen zu begegnen? Im Text zur «Welt»-Schlagzeile – jener mit den gespaltenen Deutschen – bringt eine Frau namens Renate Köcher Licht ins Dunkel. Die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach sagt klipp und klar: «Entscheidend für den Aufstieg der AfD ist der starke Flüchtlingsstrom gewesen.» Das Thema sei nach wie vor das «Potenzmittel» der AfD. Die fehlende Antwort auf die Frage, wie mit der Migration umgegangen werden soll, treibt die Menschen in die Arme der AfD, nicht diffuse Abstiegsängste. Wer hätte das gedacht.

Angela Merkel, die ihre Partei längst aus der konservativen Garage herausgefahren und links daneben auf den Parkplatz gestellt hat, hat nun ein Problem: Sie repräsentiert die Leute nicht mehr, die finden, dass die CDU als konservative Kraft eine härtere Gangart bei der Migration durchsetzen sollte. Und auch die SPD verkennt Teile ihrer traditionellen Wählerschaft: Viele hätten kein Problem mit einer restriktiveren Migrationspolitik. Gehört fühlen sich diese Leute längst nicht mehr.

Zu allem Überfluss sind sie auch nicht nur in der Parteienlandschaft unterrepräsentiert: Wer sich in den abendlichen Talkshows von Anne Will oder Maybrit Illner ein Bild der politischen Lage machen will, der sieht, wie zuletzt im Fall des wegbeförderten Geheimdienstchefs Hans-Georg Maassen, fünf Journalisten und Linkspolitiker, die sich zusammengeschlossen haben, um auf einen tapfer kämpfenden konservativen Jungpolitiker einzureden. Man muss selbst kein Konservativer sein, um das nicht in Ordnung zu finden.

Wo die Lösung steckt

Wo findet Deutschland nun genügend Erde, um den tiefen Graben wieder zuzuschütten? Hilfreich wäre es, sich in der Migrationsfrage weder von der AfD noch von Linksaussen verrückt machen zu lassen. Überflüssige Debatten wie jene um Hans-Georg Maassen nicht aufzublasen. Stattdessen das Thema Migration endlich mit einem umfassenden Gesetz anzugehen, wie es etwa die FDP schon längst fordert.

«Wir brauchen endlich klare, verständliche und sinnvolle Regeln für die, die dauerhaft zu uns kommen wollen; damit es eben keine ungewollte Einwanderung mehr über unser humanitäres Asylrecht, auf das wir stolz sein können, in grösserem Umfang gibt», forderte der ehemalige CDU-Generalsekretär Peter Tauber kürzlich in einem Gastbeitrag für den «Spiegel». Mehr Anstrengung bei der Integration. Konsequente Ausschaffungen von abgelehnten Asylbewerbern. Spitzenpolitiker, die nicht von Berlin aus irgendwelche Videoclips aus Chemnitz kommentieren, sondern hinfahren und mit den Leuten sprechen.

Die Spaltung der deutschen Gesellschaft lässt sich so vielleicht nicht vollends überwinden. Aber ein Anfang wäre es allemal.

fabian.hock@schweizamwochenende.ch